Das entdorfte Netzwerk – Fünf Notwendigkeiten

„Genaugenommen sind es gar keine Netzwerke, da es außer der technologischen Verknüpfung keine Knoten gibt. Ein Netzwerk besteht aber aus Knoten, die das Gefüge zusammenhalten.“

 

Das Dorf. Das Netzwerk.  

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Alle Dorfbewohner sind zusammengekommen. Es war eine Selbstverständlichkeit in meinem Heimatdorf im Bayerischen Wald. Das war wohl schon immer eine Selbstverständlichkeit und es war damals, als ich noch Kind und Jugendlicher war, auch noch so. Wenn ein Dörfler ein Haus, eine Scheune, einen Stall gebaut hat und es um das Eindecken des Daches ging, dann half man sich: mit einer „Menschen-Dachziegelkette“ von der Dachziegelpalette über viele Hände die Leiter hinauf auf das Dach. Jedes noch so riesige Dach wurde auf diese Weise schnell gedeckt. Ohne Kräne. Einfach nur durch Menschen, die zusammenarbeiteten – also durch ein funktionierendes Netzwerk.

Man kannte sich. Man wusste sich einzuschätzen. Man hatte eine gemeinsame Dorfgeschichte. Man traf sich in der Dorfmitte. Manchmal raufte man auch in der Dorfmitte. Und dann raufte man sich auch wieder zusammen. Ein Netzwerk hält einiges aus und kann einiges leisten. Das ist auch heute noch so. Auch wenn sich mittlerweile die Netzwerke aus den Dörfern heraus eher verlagert haben.

 

Das entdorfte Netzwerk. 

Dort wo man sich nicht kennt und auch nichts voneinander weiß, dort kann auch kein Netzwerk entstehen. Das machte und macht den Charme von Dörfern und Dorfmitten aus: Man kannte und kennt sich. Aber durch die nahezu unendlichen Möglichkeiten von Kommunikationsplattformen ist die Dorfmitte schon seit langem überall. Es gibt nur noch Dorfmitten. Aber es gibt keine dazugehörigen Dörfer mehr. Wir treffen uns auf facebook, twitter, LinkedIn, Instagram und wo auch noch überall. Das ist sehr gut so! Keine Frage. Denn wir Menschen sind soziale Wesen und eben keine Einzelgänger – zumindest nicht die meisten.

Doch es stellt sich die Frage, ob diese neuen, quantitativ weit überlegenen Netzwerke es auch schaffen können, Dächer zu decken. In der Theorie ist das allemal möglich. Aber in der Praxis? Die Antworten darauf sind schon lange gegeben: Es ist sehr oft sehr finster in diesen neuen Dorfmitten.

Das ist keine neue Erkenntnis. Und nichtsdestotrotz gibt es auch sehr viele richtig gute Netzwerke, organisiert über socialmedia-Plattformen. Und es scheinen auch mehr zu werden. Das ist sehr gut so, denn wenn es um das Generieren und Verteilen von neuem Wissen und damit auch um Innovation und Agilität geht, dann sind Netzwerke unschlagbar.

Somit geht es nicht um die Sinnhaftigkeit von Netzwerken. Es geht um das Wie. Wie kann ein Netzwerk mit einer hohen Effektivität entstehen, so dass am Ende das Dach gedeckt ist? Schauen wir uns das mal an.

 

Netzwerk Notwendigkeit Nummer Eins: Dunbar. 

Bleiben wir bei der Quantität: Grundsätzlich ist es eine hervorragende Sache, ein großes Netzwerk zu haben. Denn wie heißt es: Viele Hände schaffen ein schnelles Ende. Also würde man dieser Logik folgen, dann wäre das unendliche Netzwerk das allerbeste, denn das wären dann ja unendlich viele Hände und damit wäre die Arbeit unter Umständen schon erledigt, bevor überhaupt der Dachstuhl auf dem Bau steht. Selbstverständlich ist das absurd. Und interessanter Weise gibt es sogar eine durchaus wissenschaftlich belegte Zahl, die aussagt, wie groß ein sinnvolles, also effektives Netzwerk maximal sein sollte. Es sind 150 Mitglieder. Der Psychologe Robin Dunbar hat diese Zahl anhand seiner Studien über soziale Verbindungen bei Affen– bezogen auf den Neokortex – für Menschen hochgerechnet.

Die Zahl klingt überschaubar. Und sie erinnert an eine Dorfgemeinschaft. Es treffen sich in der Dorfmitte nicht jeden Tag alle 150 – aber in unterschiedlicher Zusammensetzung zu unterschiedlichen Zeiten klingt das nachvollziehbar und praktikabel. Selbstverständlich kann man sein Netzwerk auch weit über die 150 Mitglieder ausbauen. Ob das Netzwerk dann aber noch effektiv ist, sei dahingestellt. Bei über 150 Menschen wird das Angebot oder die Gefahr der Anonymität einfach zu groß. Eine Lösung dazu ist, verschiedene Tiefen der Verbindungen zu definieren. Womit wir auch beim nächsten Punkt wären.

 

Netzwerk Notwendigkeit Nummer Zwei: Ich. 

Wie kann ich ein Netzwerk bilden oder wie werde ich ein Teil eines Netzwerkes? Ich muss dazu sichtbar sein. Das heißt: Ich muss zur Dorfmitte gehen. Oder ich setze mich auf die „Gredbeng“ vorm Haus. Die Gredbeng ist ein bayerisches Wort für eine Bank, sie steht in der Regel neben der Haustür, einsehbar von der Straße. Der Platz vor der Haustür wird auch heute gerne noch „Gred“ genannt. Es gibt sie noch, diese Bänke. Aber es gibt nicht mehr viele und wenn es sie noch gibt, dann sind sie oft nur noch Zierde. Es sitzt niemand mehr darauf.

Eine Bank hat den Vorteil, dass sich jemand dazu setzen kann. Ist dies passiert, dann wurde über den Tag berichtet. Oder über das, was morgen oder übermorgen ansteht. Und was man von anderen gehört hat. Von den anderen 148 Leuten im Dorf. Sitzt man im Wohnzimmer, setzt sich niemand dazu.

Die Gredbeng ist heute ersetzt durch meinen Account auf social media Plattformen, auf den ich online gehen kann – das wird zumeist durch einen grünen Punkt offensichtlich: Man sitzt auf der Gredbeng und wird gesehen – überall! Insofern wurde zwar die Gredbeng oder die Bank in der Dorfmitte durch einen grünen Punkt im eigenen Account ersetzt, aber die grundsätzliche Funktion ist erfüllt: Ich bin für andere sichtbar.

 

Netzwerk Notwendigkeit Nummer Drei: Wozu. 

Wir sitzen im übertragenen Sinne in der Dorfmitte oder auf der Gredbeng, man trifft sich, der grüne Punkt leuchtet … und jetzt? Jetzt wird es ein wenig schwieriger. Denn es geht jetzt um das „Wozu“. Wozu trifft man sich eigentlich? Was ist der dahinterliegende Zweck? Wäre es nicht einfacher und bequemer, einfach zuhause in der Stube zu bleiben? Warum setzt man sich auf die Gredbeng und geht zur Dorfmitte?

Ich meine, dass einem Dorfnetzwerk eigentlich kein beabsichtigtes Wozu zugesprochen werden konnte und kann. Man hat über die Dorfgemeinschaft weniger bis nicht nachgedacht. Sie war, sie ist einfach da. Der Treibstoff dahinter ist das Miteinanderreden. Das Bindemittel ist der Austausch von Erlebnissen, Erfahrungen. Man trifft sich, man hört sich zu und man spricht miteinander – hin und wieder auch übereinander: Ein Dorf sind auch nur Menschen. Aber es geht in der Hauptsache um das Miteinander und der Rahmen ist das Dorf. Das ist alles.

An dieser Stelle dürften die Dorfmitte und der grünleuchtende Punkt auseinanderdriften. In modernen Netzwerken mit Online-Sichtbarkeit spricht oder chattet man zwar auch noch miteinander – aber das sehr oft in sehr überschaubaren und oft in qualitativ fragwürdigsten Rahmen. Das Übereinanderreden lässt das Miteinanderreden meilenweit zurück. Es geht um kein Miteinander. Das Miteinander spielt so gut wir überhaupt keine Rolle. Damit haben viele existierende Netzwerke – beileibe aber nicht alle! – keinerlei gemeinsamen Nutzen. Genaugenommen sind es gar keine Netzwerke, da es außer der technologischen Verknüpfung keine Knoten gibt. Ein Netz(werk) besteht aber aus Knoten, die alles zusammenhalten.

 

Netzwerk Notwendigkeit Nummer Vier: Tat. 

Es wird sich getroffen, es wird miteinander gesprochen. Man kennt sich. Man weiß seine Gegenüber einzuschätzen. Man weiß, was der andere kann und was nicht. Man kennt sich eben. Nicht nur aus Erzählungen, sondern aus eigenem Erleben. Man weiß, was man einander hat und nicht hat. Das ist in der Dorfmitte allen und gegenseitig bekannt. Es ist der Kit.

Und dann ist da das Dach, welches es zu decken gilt. Das ist eine grundsätzlich aufwändige Sache. Nicht aber, wenn einige Dorfbewohner wissen, wie die Dachziegel auf dem Dach anzubringen sind; und für andere Dorfbewohner es eine Selbstverständlichkeit ist, in einer Menschenkette dafür zu sorgen, dass die Dachziegel auf das Dach kommen. Hier werden Sie geholfen! Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man hilft. Das heißt nicht, dass es jedem Freude gemacht hat oder macht; aber es war eine Selbstverständlichkeit des Miteinanders – sicherlich auch eine Folge eines gewissen sozialen Drucks. Es war, es ist kein gegenseitiges Abwägen.

Diese praktische Konsequenz ist in vielen modernen Netzwerken mit den grünleuchtenden Punkten verloren gegangen: Denn das bedeutet jetzt richtigen Aufwand zu betreiben, ohne zu wissen, ob sich das für mich lohnt. Das Sich-Lohnen darf aber in einem starken funktionierenden Netzwerk keine vordergründige Rolle spielen. Es geht um das Miteinander, in das man seinen Beitrag einbringt, um das Netzwerk zu einem starken und leistungsfähigen zu machen. Viele Hände …

 

Netzwerk Notwendigkeit Nummer Fünf: Geschichte. 

„Weißt du noch damals als wir …“ ist eine gute Einleitung für Geschichten auf der Gredbeng und in der Dorfmitte. Denn es geht um das Damals und um das „weißt DU noch als wir“ – also um das gemeinsame Erlebnis. Netze sind abhängig von den Knoten. Umso mehr Knoten sich in einem Netz befinden, desto stärker ist es. Das ist in einem Netzwerk nicht anders. Jedes „Weißt du noch damals als wir“ ist ein Knoten. Ein starker Knoten. Jedes „Weißt du noch damals als wir“ ist eine Geschichte des Netzwerks und trägt zu einer immer stärkeren Identifikation des Netzwerkes bei.

Das macht es natürlich auch schwer, als „Zuagroaster“ im Dorf in das Netzwerk aufgenommen zu werden. Das bedeutet Aufwand: für den Neuen, aber auch für das Netzwerk. Es müssen neue Geschichten geknüpft werden, es muss sich eingebracht werden, es muss für Sichtbarkeit gesorgt werden, es muss miteinander gesprochen werden – um Teil der großen ganzen Geschichte werden zu können. Das ist viel mehr, als eine Kontaktanfrage per Mausklick zu bestätigen. Insofern hat ein Dorfnetzwerk tatsächlich etwas von einer Blockchain. Und wie wir wissen: Diese zu verstehen ist alleine schon kompliziert …

 

Netzwerk Notwendigkeiten: Nochmal. 

  1. Gestalten Sie Ihre Netzwerke, die Sie wirklich pflegen wollen, nicht zu groß. Quantität ersetzt keine Qualität.
  2. Werden Sie in Ihren Netzwerken sichtbar: Dass Sie da sind, was Sie beitragen können und wo Sie vielleicht Hilfe brauchen könnten.
  3. Erwarten Sie nichts von Ihren Netzwerken. Netzwerke sind keine Unternehmen. Netzwerke entfalten ihren Nutzen nicht unmittelbar. Mittelbar dafür umso mehr.
  4. Bringen Sie sich in Netzwerke aktiv mit ein. Betreiben Sie Aufwand. Aber eben ohne dabei daran zu denken, welchen Nutzen Sie daraus ziehen können.
  5. Sorgen Sie für Knoten im Netzwerk – für eine Historie – für Erlebnisse – für Erfahrungen. Ein Netzwerk besteht vor allem aus Geschichte(n), aus der heraus für Gegenwart und Zukunft gesorgt wird.

 

Zwei Schlussbemerkungen:

Ich wechsle in dem Beitrag immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart wenn es um das dörfliche Netzwerk geht. Das hat den Grund, dass ich schon lange kein Mitglied eines solchen Netzwerkes mehr bin und auch nicht weiß, ob es diese Form von Netzwerken überhaupt noch in dieser Ausprägung gibt. Vielleicht ja, was mich freuen würde. Vielleicht aber auch nicht. Das wäre schade.

Inspiriert zu diesem Artikel hat mich John Stepper mit seinem Ansatz des „Working Out Loud“ und meine Kindheit in einem Dorf in der Nähe von Furth im Wald.

 

Hier haben Sie die Möglichkeit zu Dr. Markus Reimer Kontakt aufzunehmen.