Vom Analogen in die digitale Transformation

Die digitale Transformation ist nicht einfach nur Digitalisieren. Es wird in Zukunft immer wieder und weiter darauf ankommen, welche Ideen aus der Welt des Analogen erfolgreich in die Welt des Digitalen übertragen werden können.

 

Die digitale Transformation im Wohnzimmer 

Vor einiger Zeit habe ich mich in einem Artikel mit der Digitalisierung, und was Platon damit zu tun haben könnte, beschäftigt. Dabei ging es vor allem um die Verdoppelung der Welt, in der wir leben. Nahezu alles, was im Physischen sich vor unserer Nase befindet, wird ins Digitale abgebildet – was man Digitalisierung nennt. Und schon haben wir zwei Welten, die wir beide (be)nutzen können; und zwar aus dem Wohnzimmer heraus, wenn wir das wollen – was man Digitale Transformation nennt: Die bisherigen Prozesse, Tätigkeiten, Verhaltensweisen verändern sich grundlegend zu vorher.

Man kommuniziert im Netz über verschiedene Apps, statt auf der Parkbank, im Cafe oder am Telefon. Aber auch Letzteres ist noch möglich.

Man kauft im Netz ein, statt im Laden um die Ecke. Aber auch Letzteres ist noch möglich.

Man spielt im Netz, statt sich beim Spielen gegenüber zu sitzen. Aber auch Letzteres ist noch möglich.

Man singt karaokisch zusammen über eine neue App, statt dies nebeneinander zu machen.  Aber auch Letzteres ist noch möglich.

Man stellt Urlaubsfotos ins Netz, statt zu einem Dia-Abend einzuladen. Aber Letzteres wollte auch sowieso noch nie jemand haben. Insofern ist die digitale Transformation definitiv ein Segen.

 

Zwischen Wohnzimmer und Werkstatt

Zwischenzusammenfassend können wir feststellen, dass wir mit unseren beiden Welten schon recht gut umgehen können – oder zumindest so tun, als ob.

Und nun gibt es ein interessantes Phänomen: Wir beschäftigen uns sehr gerne mit den digitalen Möglichkeiten und nutzen sie auch; aber eben eher nur im eigenen Wohnzimmer und darüber hinaus privat. Beruflich und in den eigenen Organisationen stehen wir sehr oft auf dem WLAN-Schlauch und sind etwas planlos. Dort suchen wir plötzlich nach Möglichkeiten, was man denn so machen könnte. Und wir kommen sehr oft zu dem Schluss, dass es da nur wenige bis gar keine Möglichkeiten gibt. Also bei uns nicht. Woanders schon eher. Aber wir sind eben bei uns und nicht woanders.

Also wurde und wird die digitale Ökonomie eben nicht bei uns, sondern woanders auf- und weiter ausgebaut und wir blicken dann staunend über den Atlantik genau zu diesem Woanders hin. Das muss sich ändern!

 

Die digitale Garantie

Wir verfallen sehr oft der Vorstellung, dass alles, was digital wird, ist und angeboten wird, geradezu automatisch ein Erfolg wird,. Es gar keine andere Möglichkeit gibt! Und erst recht, wenn die großen Digital-Player aus dem Woanders, also Microsoft, Apple, Facebook, Amazon oder Google „etwas“ machen.

Es gibt einige Gegenbeispiele. Dass nicht immer alles, was digital ist und wird, ein Selbstläufer ist und wird, das musste 2014 auch der Internetgigant Google mit seiner Datenbrille GoogleGlass erfahren. Die Brille als Minicomputer half beim Navigieren, beim Suchen und auch Fotos konnten damit gemacht werden. Was sich irgendwie spannend anhört und auch ziemlich sicher in Richtung Verkaufsschlager gedacht werden konnte und auch wurde, genau das hat nicht funktioniert. Die Masse an Menschen wollte diese Brille nicht haben und nur wenig später stellte Google den Verkauf wieder ein. Seit 2019 ist die Brille wieder da: aber nicht mehr für den Privatkunden, sondern ausgerichtet auf Unternehmen als eine Art Werkzeug.

Was das heißt? Der Erfolg von Angeboten für die digitale Transformation ist genauso wenig vorhersehbar, wie die erfolgreiche Produktplatzierung im Analogen. Das ist eben Innovation. Das bedeutet: Wir müssen weiterhin probieren, testen, nachbessern. Nichts ist ein Selbstläufer. Was es aber braucht: Ideen und die Kompetenz und den Willen umzusetzen. Es ist das gleiche Prinzip wie im Analogen.

 

Kompetenzpostulate für die Digitale Transformation

„Wenn wir die digitale Transformation meistern wollen, dann brauchen wir alle Programmierkenntnisse!“

Eine sehr gern und oft formulierte und deswegen immer wieder zu hörende Forderung für die Bewältigung der digitalen Zukunft. Nun ja. Meine Meinung ist, dass uns das nur wenig voranbringen würde. Vielleicht auch gar nicht. Denn die daraus folgende Frage lautet dann doch: Was sollen wir denn mit unseren dann vorhandenen Programmierkenntnissen programmieren? Irgendetwas? Hauptsache irgendetwas Digitales? Das kann doch wahrlich nicht die Lösung sein. Nicht das Wie ist entscheidend, sondern das Was! Und noch mehr das Warum! Mit einem anderen Worten: Ideen, die zu Innovationen führen.

Eine aktuelle Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Digitalisierung des Mittelstands zeigt ein paar wesentliche Faktoren auf, die uns das Leben gegenwärtig  schwer machen – und Programmierkenntnisse sind dabei ganz sicher nicht an erster Stelle.

Was wir brauchen

Es geht erstens um die Anwendung von Standard-Software und die Nutzung digitaler Endgeräte. Es geht zweitens um Online-Kenntnisse zur effizienten Internet-Recherche. Weiterhin geht es darum, Social-Media-Plattformen nutzen, bedienen und nicht nur darüber kommunizieren zu können. Dort findet das Leben in unserer digital-kopierten Welt statt. Wer dort nicht auftritt, auffällt und agiert, verzichtet auf einen großen Teil von Möglichkeiten und notwendigen Informationen. Und es geht natürlich auch um Datenschutz und IT-Sicherheit. Drittens geht es um Spezialsoftware und digitale Maschinen, die konkrete spezifische Anwendungsfelder im Unternehmen haben – und die dort in der Regel auch gelernt werden.

Die Programmierer und auch die Daten-Analysten sind notwendig, aber das müssen nicht alle können. Wir fahren auch alle Autos, wählen sie aus, stellen sie zusammen, kaufen, nutzen, tanken … aber wir müssen deswegen nicht alle Maschinenbau-Ingenieure sein. Wir müssen wissen, was wir wollen und wir müssen wissen, welche Anwendungen möglich sind und welche gut wären zu haben. Das ist der entscheidende Schritt, um Innovationen zu fördern.

 

Digitale Transformation: Wo haperts?

Einig kann man sich darüber sein, dass digitale Kompetenzen auf nahezu allen Ebenen des Organisationsalltags der Gegenwart und noch mehr der Zukunft notwendig sind. Wie gelangen diese Kompetenzen in die Organisationen? Dazu gibt, so fasst die Studie der KfW zusammen – und das ist beileibe keine neue Erkenntnis: Man holt sich genau die Leute ins Unternehmen, die über die digitalen Kompetenzen bereits verfügen die gebraucht werden. Die zweite Möglichkeit ist, den Organisationsmitgliedern finanziell und zeitlich die Möglichkeit zu geben, sich selbst dorthin entwickeln zu können. Und die dritte Option ist, dass das, was benötigt wird, einfach von außen dazugekauft wird.

Alle drei Optionen haben Vor- und Nachteile, die aber sehr unterschiedlich bewertet werden müssen. Doch das muss jede Organisation für sich selbst entscheiden. Interessant ist dabei aber, dass in der Studie das nicht wenig überraschende Ergebnis zu Tage kam, dass die Option Weiterbildung für Organisationen deswegen ein Problem darstellt, weil oft die Zeit und das Geld fehlen. Und auch die Gefahr wird gesehen, dass die eben ausgebildeten Fachleute dann abwandern. Also: Dann lieber auf Weiterbildung verzichten.

Dazu gibt es eine sehr schöne Manager-Anekdote:

Der HR-Mensch sagt zu seinem CEO: Was machen wir, wenn wir unsere Leute so gut ausbilden und sie dann gehen?

Und der CEO antwortet seinem HR-Mensch: Und was machen wir, wenn wir sie nicht weiterbilden und sie bleiben?

Eine Möglichkeit dazu ist folgende Strategie: Die Mitarbeitenden so gut auszubilden, dass sie überall sofort arbeiten könnten. Und anschließend alles dafür tun, dass sie genau das nicht tun. Diese Strategie wird Richard Branson zugeschrieben.

 

Zwei Beispiele am Anfang

Es wird in Zukunft immer wieder und weiter darauf ankommen, welche Ideen aus der Welt des Analogen erfolgreich in die Welt des Digitalen übertragen werden können mit den entsprechenden digitalen Kompetenzen. Die Ideen entstammen in der Regel aus der Beobachtung von Problemen und Herausforderungen im Alltag der Menschen und der Organisationen. Wie eben schon im immer  auch in der Welt des Analogen.

Zwei Unternehmen, die die digitale Transformation vollzogen haben, derzeit noch am Anfang stehen, aber bereits die ersten Erfolge verbuchen können, möchte ich zum Abschluss vorstellen. Es sind zwei Unternehmen, die schlicht und einfach Innovation wagen.

 

easy2parts

 Es ist dies zum einen das Unternehmen easy2parts. Gegründet wurde es in Deggendorf von drei technikaffinen Männern. Sie wollen dafür sorgen, dass Unternehmen seltene, aber dringend benötigte Fertigungsteile schnell, unkompliziert und professionell erhalten.

Einer der Gründer, Robert Hilmer, zeigt dabei auf der Website einen typischen Fall auf, der zur Unternehmensgründung beigetragen hat:

Er war in einem Unternehmen beschäftigt, in dem es aufgrund eines kaputten Teils einer Maschine zum Produktionsstopp kam. Die geplante Lieferung des Ersatzteiles sollte frühestens in zwei Wochen möglich sein. Durch die Aktivierung seines Netzwerkes schaffte er es aber, das benötigte Ersatzteil in nur zwei Tagen zu beschaffen.

Das war der Ausschlag im Analogen für die Idee im Digitalen: Die Gründung und Entwicklung einer Plattform, über die Unternehmen Fertigungs- und Sonderbauteile bestellen können und die dann innerhalb kürzester Zeit

durch das aufgebaute Netzwerk beschafft werden können. Ein Netzwerk aus über 1000 Fräsmaschinen, über 200 Laserschneidmaschinen, über 200 Spritzgussmaschinen, über 600 Drehmaschinen, 3D-Drucker, Schweißbetriebe, Beschichtungsbetriebe und so weiter. So kommen in Bedrängnis befindliche Unternehmen easy to parts – durch die digitale Transformation.

 

Virtuelle Karrierebörse

Weit weg von Produkten – hin vor allem zu Gesprächen. Hier landet man zum Beispiel bei Messen und hier im Speziellen bei Karriere- und Jobmessen. Aussteller fahren oder fliegen mit ihren Teams in eine Messestadt, bauen imposante Messestände auf und warten dann auf Besucher, die ebenfalls anreisen in der Hoffnung auf interessante Aussteller und Angebote. Das ist die bekannte Welt im Analogen.

Doch warum das alles nicht in digitale Welt übertragen? Ohne Anreise mit viel weniger Aufwand. Diese Idee hatte Sybille Heinemann und gründete die Virtuelle Karrierebörse. Diese fand zum ersten Mal im letzten Jahr statt mit durchaus als erfolgreich zu bewertenden Aussteller- und Besucherzahlen. Und sie wird auch in diesem Jahr an verschiedenen Terminen stattfinden; die ersten großen Namen haben als Aussteller bereits zugesagt. Im Sinne des Aufwand-, Zeit- und Geldsparens, der Nachhaltigkeit und der Flexibilität ist dies eine richtig lohnenswerte Alternative zur analogen Messe.

Was dafür benötigt wird? Digitale Kompetenzen auf beiden Seiten; Programmierkenntnisse werden dabei aber weder für Aussteller, noch für Besucher eine Rolle spielen. Was es also zum Erfolg braucht: Ideen und die Kompetenz und den Willen umzusetzen und Menschen und Organisationen, die sich darauf einlassen. Unternehmen, die ihre bisherigen Wege verlassen und die neuen Angebote der neuen Anbieter nutzen. Nur dort, wo Anbieter und Kunde das Analoge zeitweise, parallel oder ganz verlassen und die digitale Messe betreten, dort kann die Digitale Transformation gelingen. Das gilt es zu probieren.

 

Hier geht es zum neuen Buch von Dr. Markus Reimer: Der Kugelfisch

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