Der Hürdenlauf der Digitalisierung in der Schule

Ein Gastbeitrag von Michael Graf

Anders als im sportlichen Wettkampf geht es bei der Digitalisierung in der Schule nun nicht um das möglichst schnelle Durchlaufen der Ziellinie, sondern es geht vielmehr um das Ankommen an sich. Ein Schwachpunkt dieser Analogie kommt an dieser Stelle besonders deutlich zum Tragen: Die Frage, worin das Ziel eigentlich besteht.

 

Digitalisierung – Die zentrale Frage

„Als rohstoffarmes Land sind unsere Köpfe das größte Kapital, das es zu bewahren gilt!“

„Digitalisierung wird die zentrale Herausforderung der Zukunft.“

Sätze wie diese sind es, die von beinahe jedem Verantwortlichen gebetsmühlenartig dem Publikum zugerufen werden. Was für die Allgemeinheit an sich bestimmt ist, ist sehr häufig in diesen Tagen im Besonderen im Bildungsbereich anzutreffen. Die zentrale Frage, die dahintersteckt und die es für sämtliche Bildungseinrichtungen zu lösen gilt:

„Wie können wir die nachfolgenden Generationen in die Lage versetzen, verantwortungsbewusst, würdig und sozial in einer digitalisiert geprägten Welt zu leben?“

Damit ist der Kerngedanke der digitalen Transformation im schulischen Umfeld umrissen. Aber was bedeutet diese tatsächlich und konkret?

 

Digitalisierung vielleicht ja – oder doch anders?

Um dieses Thema drehen sich zahllose Diskussionen, die zum Teil verbissen und beinahe destruktiv geführt werden. Die einen fordern ein radikales Umdenken im gesamten System Schule: Weg vom klassischen summativen hin zum formativen Test, der Prozesse begleitet, Noten abschafft und die Bewertung des Produkts nicht mehr in den Vordergrund stellt. Des Weiteren werden mitunter die Auflösung von Unterrichtseinheiten, die Abschaffung von Fächern und ein Fokus auf Projektarbeit gefordert, um kollaborativ, kommunikativ, aber auch kritisch mit digitalen Werkzeugen zu arbeiten und deren Vorteile zur Geltung zu bringen. Medienbildung eben nicht mehr als Selbstzweck, sondern als fundamentaler Bestandteil des (schulischen) Alltags.

Die andere Gruppe propagiert ein „SowohlAlsAuch“, strebt einen sanften Übergang mit umsichtiger Implementierung aktueller digitaler Unterrichtsmethoden an, ohne gleich systemische Änderungen einzufordern.

Beiden gemein ist das Bestreben, Medienbildung aktiv im Unterricht zu betreiben und so die Kinder auf den digitalen Alltag vorzubereiten. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo zwischen diesen beiden Herangehensweisen und kann vom Autor dieser Zeilen nicht definiert werden. Das wäre ebenso anmaßend wie überheblich. Fakt aber scheint zu sein: „Die Rache der Analogen“ wird zwar von einer bestimmten Gruppe sicher angestrebt, aber ausbleiben; allein schon deswegen, weil die Zahl derer, die ohne moderne Kommunikationstechnik ihr Leben bestreiten, von Tag zu Tag abnimmt und in nicht allzu ferner Zukunft gen Null tendierten wird.

 

Der Weg zum digitalen Schulalltag – ein Hürdenlauf mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad

Um einen griffigen Überblick zu ermöglichen, bietet es sich an, den Prozess der digitalen Transformation in der Schule anhand einer Analogie aus dem Sportbereich darzulegen: dem Hürdenlauf.

 

Der Start – mit Hürden über Hürden

„Aus den Startblöcken zu kommen, ist entscheidend bei jedem Rennen“. Was zunächst banal klingt, entpuppt sich im schulischen Kontext als erstes K.O.-Kriterium.

Anders als beim sportlichen Wettbewerb ist jedoch weniger der Zeitpunkt das Entscheidende, als vielmehr die bloße Ausführung. Ein Impuls innerhalb der Schulfamilie zum Aufbruch ist dabei bei weitem nicht ausreichend. Es sitzen viele Player am Tisch, die alle, wirklich alle überzeugt werden müssen, um den Start überhaupt zu schaffen.

Präzisiert heißt das: Der Sachaufwandsträger muss die Technik bereitstellen, die Schülerinnen und Schüler müssen sich mit den Spielregeln einverstanden erklären, der Kollege und die Kollegin müssen überzeugt werden, die Schulleitung muss das Ganze tragen und Verantwortlichkeiten definieren und letztlich müssen auch Eltern die angedachten Wege mitgehen. Dazu wollen Datenschutz, Verfügbarkeit, Verpflichtung zu Nutzung und viele weitere Dinge geregelt werden, um den Startschuss dann tatsächlich hören und entsprechend reagieren zu können. Von Wolf Lotter stammt „Talent hats eilig, Dummheit hat Sitzfleisch. Das Drama der Organisation.“ Schwer zu sagen, ob dieses Zitat auch auf den schulischen Bereich gemünzt war. Es kann jedoch nicht schaden, darüber nachzudenken.

 

Starthilfen-Reflexion 1 – Die Kultusministerien

Es wäre vermessen und respektlos, den verantwortlichen Institutionen – namentlich den Schulministerien und ihren nachgeordneten Instituten – Untätigkeit oder Ignoranz zu unterstellen. Aber Fakt ist: Der staatliche Apparat ist ohnehin nicht für Agilität und Flexibilität bekannt. Dieses Faktum per se ist kein Nachteil, was ein Blick in die Vergangenheit beweist. Aber das Konstrukt entstammt in seinem Geist dem Zeitalter der Industrialisierung, bestenfalls der Nachkriegszeit. Bereits bei den Problemen der Post-Moderne traten die Grenzen des Systems zutage. Erst recht geschieht dies im Zeitalter der Digitalisierung: Sachaufwandsträger denken in ihren Einheiten, Schulen in ihren Ökosystemen und Ministerien in wieder anderen. Kurz: Alle Player am Bildungstisch haben eigene Interessen, die es zu kanalisieren gilt. Dieses Unterfangen erweist sich bei näherer Betrachtung als wahre Mammut-Aufgabe. Insofern ist es durchaus legitim, vom „Drama der Organisation“ zu sprechen.

 

Starthilfen-Reflexion 2 – Der technologische Fortschritt

Wie kann der hochdynamische technologische Fortschritt bewältigt werden?

Das Ziel an sich ist unstrittig und relativ klar (siehe oben). Der Weg aber fordert von den Läufern einen hohen Tribut: Vorhandene Strukturen müssen überwunden, neue Möglichkeiten geschaffen werden. Um konkret zu werden ein sehr einfaches Beispiel aus der Praxis: Der Lehrer als Beamter ist zur Fortbildung verpflichtet. Dieser Verpflichtung kommt der engagierte Kollege bzw. die engagierte Kollegin im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen nach, die sich durchschnittlich im Halbjahresrhythmus „ereignen“. Hochdynamische Prozesse sind in einem solchen Konstrukt nur sehr schwer zu begleiten.

 

Starthilfen-Reflexion 3 – Die Gesellschaft

Was will eigentlich die Gesellschaft außerhalb der Lehrerschaft? Es ist kein Geheimnis, dass auf die Schule als Bildungseinrichtung immer neue Aufgaben warten, die zusätzlich zu erfüllen sind. Was wie das Stöhnen eines Bildungslobbyisten klingt, erweist sich schlicht als die Realität: Zum eigentlichen Bildungsauftrag gesellten sich allein in jüngster Vergangenheit Inklusion, Gelenkklassen, Umstrukturierungen (G8/G9), Demokratieerziehung (an sich nicht neu, jedoch in Zeiten aufkommenden Extremismus eine völlig neue Herausforderung), Integration … – und dies sind nur die bekanntesten „neuen“ Handlungsfelder neben der hier thematisierten digitalen Transformation. Die Gesellschaft erwartet, dass Schule deren Herausforderungen und Defizite immer stärker kompensiert – angesichts begrenzter Ressourcen eine immense Erwartung.

 

Der Lauf – direkt zur ersten Hürde

Sind die Voraussetzungen zumindest in Grundzügen erfüllt, macht man sich als Schule auf den Weg, wohlwissend, dass das erste Hindernis bereits wartet. Als solches entpuppt sich häufig der Mangel an Zeit und Möglichkeiten, Dinge im schulischen Alltag anzustoßen. Es handelt sich um ein nahezu permanent in Bewegung „waberndes“ System, das angesichts von Lehrplan und Stofffülle eigentlich keinen Raum für große Experimente lässt. Ein solcher Freiraum muss erst geschaffen werden, was sich im Alltag als keineswegs leicht erweist. Im Gegenteil: Die Gemengelage liefert das perfekte Alibi für all jene, die „es schon immer wussten“: „Man muss nicht jedem Trend hinterherhecheln!“ Hier gilt es zu überzeugen, mitzureißen und Durchzuhalten. Nur dann schafft man es, das erste und alle weiteren Hindernisse zu überwinden.

 

Der Rhythmus – mit Eleganz über jede Hürde

Es gilt Strategien und Techniken zu entwickeln, die Hindernisse bewältigen helfen, ohne aus dem Tritt zu kommen. Beispiele dafür wären eine ausgeprägte Feedback- und Fehlerkultur zu implementieren, gegebenenfalls „zurückzulaufen“, sofern sich ein Anlauf als falsch erwiesen hat, neue Impulse zu setzen, neuen Input von außen zu generieren (Stichwort: Working Out Loud oder das #twitterlehrerzimmer) und Unterstützungssysteme zu schaffen, die Lehrkräfte unmittelbar oder mittelbar unter die Arme greifen, sobald sie auf Komplikationen treffen.

 

Das Finishen – Dabeisein ist alles?

Anders als im sportlichen Wettkampf geht es bei der Digitalisierung in der Schule nun nicht um das möglichst schnelle Durchlaufen der Ziellinie, sondern es geht vielmehr um das Ankommen an sich. Ein Schwachpunkt dieser Analogie kommt an dieser Stelle besonders deutlich zum Tragen: Die Frage, worin das Ziel eigentlich besteht. Denn oftmals trifft man in diesem Zusammenhang auf Antworten, die nochmals zu hinterfragen sind. Allein die Tatsache, dass digitale Medien im Unterricht zum Einsatz kommen, reicht schwerlich aus, um als Ziel akzeptiert werden zu können. Anderseits ist das zu Beginn umrissene Bildungsziel zu abstrakt und kaum messbar. Es ist eher eine Orientierung. Das macht die Sache eben nicht einfach.

Einigen wir uns darauf, dass der Weg das Ziel sein muss oder wie es ein Kollege der TwitterCommunity formuliert hat: „Wir müssen als Lehrer in der Lage sein, unseren pädagogischen Werkzeugkasten um die Tools der digitalen Welt zu erweitern und diese entsprechend sinnvoll im Unterricht einzusetzen!

 

Vorbereitet sein, statt einfach nur irgendwo ankommen

Bleibt die Frage, wie realistisch es ist, zu glauben, dass das „althergebrachte“ System diese mitunter gewaltigen Veränderungen mitgehen wird. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass es keinen Grund gibt, daran zu zweifeln! Woher diese Sicherheit? Die Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein und zeigt anhand der überholten und inzwischen beinahe wie ein Anachronismus wirkenden Diskussion über strahlendes WLAN in Schulen, wie es weitergehen könnte (und meiner Meinung nach auch wird): der technische Fortschritt wird mit Hilfe von 5G, IoT und der nächsten Generation an Wearables neue Fakten schaffen, die die Schule zum Handeln zwingen und fundamentale Änderungen (z.B. in der Prüfungskultur) zur Folge haben wird. Um von dieser Entwicklung nicht überrollt zu werden, um dann hektisch „irgendwas irgendwie“ als Alibi machen zu müssen, muss es der Anspruch jeder Bildungseinrichtung sein, Vorbereitungen und Maßnahmen zu treffen, die die uns anvertrauten Menschen auf die Zukunft vorbereiten. Und das ist keine Kür! Das müssen wir alleine schon deswegen, um unserer Profession gerecht zu werden und um unseren Auftrag auch in Zukunft für die Zukunft zu erfüllen!

 

Michael Graf ist Direktor der Staatlichen Realschule Schöllnach, die am Modellversuch „Digitale Schule 2020“ teilnimmt, er ist einer der umtriebigen Akteure im Twitterlehrerzimmer (hier geht es zu seinem sehr empfehlenswerten Twitter-Profil) und Betreiber eines eigenen Blogs.