Der Online-Shop am Ende des Universums

Verschlossene Türen von Läden bedeuten keine Einnahmen. Keine Einnahmen bedeuten existenzielle Probleme; also Notlagen. Und was bringen Notlagen mit sich? Richtig! Zweifelhafte Figuren und deren Online-Shops.

 

Und jetzt alle: Online-Shop! Online-Shop!

Ein entscheidendes Bauteil von Läden sind Türen. Hat ein Laden keine Tür, schon wird es schwierig mit „Palim Palim“ und kaufenden konsumierenden Kunden. Nicht viel besser ist es mit Läden, die zwar eine Tür haben, durch die aber niemand gehen kann, weil sie verschlossen ist. Bleiben diese Türen nicht nur über Nacht und am Wochenende verschlossen und das über mehrere Wochen hinweg, dann wird es so richtig schwierig mit kaufenden konsumierenden Kunden. Genau das erleben derzeit viele Ladenbesitzer. Sie schauen sehnsüchtig zu ihren Türen. Sie sind da, aber von außen verschlossen. Noch verschlossen. Verschlossene Türen bedeuten keine Einnahmen. Keine Einnahmen bedeuten Probleme. Massive Probleme. Existenzielle Probleme; also Notlagen. Und was bringen Notlagen so mit sich? Richtig! Menschen, die die Notlagen anderer für sich nutzen wollen. Zweifelhafte Figuren mit ihren Online-Shops.

In der Gegenwart der verschlossenen Türen sind nicht etwa Schlüsseldienste die Gewinner, sondern die digitalen Türöffner. Die Werbungen, das Netz, die Kanäle sind voll mit Angeboten zu digitalen Türen: Der Online-Shop ist die Lösung für von außen verschlossene Türen in Städten. Wer jetzt ganz schnell einen Online-Shop ins Netz schmeißt, der und die werden kaufende konsumierende Kunden abgreifen können. Das geht alles ganz einfach. Ab einem Euro. Eine Ein-Euro-Lösung für ein existenzielles Problem klingt zu schön um wahr zu sein. In der Tat ist es auch so, dass das alles ein bisschen weniger wahr als schön ist.

 

Das Internet, wir und der Online-Shop

Die Idee, dass Läden so einfach im Netz geöffnet werden können, ist an sich noch nicht falsch. Das ist rein technisch in der Tat keine Magie und auch schnell erledigt. Doch die dahinterstehende Suggestion geht ja über die rein technische Machbarkeit hinaus. Sie umfasst vielmehr den Erfolg, der sich vom Analogen ganz einfach ins Digitale übertragen, modern: transformieren, lässt. Wenn ich die Tür in der Stadt nicht mehr öffnen kann, dann öffne ich sie eben im Netz. Das geht.

Aber die Tür ist nicht das einzig Entscheidende. Es muss jemand durch die Tür kommen. Einfach nur eine offene Tür bringt erstmal nicht viel; im Netz noch nicht mal frische Luft. Also kommt es darauf an, wer denn durch diese Tür den Shop betreten soll – das sind wir alle. Das Gute: Wir sind alle schon da. Wir alle, das heißt über 90 Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre, befinden uns im Netz. Doch was machen wir da? Der Irrglaube: Wir alle kaufen permanent ein und stürmen von einem Laden in den nächsten. Genau das tun wir nicht. Was wir machen: Die meiste Zeit kommunizieren wir, wir chatten, kommentieren, diskutieren. Als Nächstes nutzen wir Medien: wir schauen Videos, wir hören Podcasts oder lesen. Das alles machen wir vor allem über die allgemein bekannten Social-Media-Plattformen. Und was ist jetzt mit dem Shoppen? Im Online-Shop? Im Netz? Eben. Das ist die Krux.

 

Der Online-Shop am Ende des Universums

Zwar sind wir alle im Netz, aber wir sind eben auch sehr weit davon entfernt jeden dort befindlichen Laden zu betreten. Und wenn wir einen Laden betreten, dann haben wir den entweder gefunden, weil uns eine Suchmaschine mit den erstbesten Ergebnissen zu einer Produktsuche dorthin geführt hat oder wir haben ihn gefunden, weil er uns aus dem Netz oder anderweitig bekannt ist. Zu dem schnell zusammengeschusterten Ein-Euro-Online-Shop wird uns weder eine Suchmaschine lotsen, noch wird uns dieser Shop bekannt sein. Wie auch? Das Netz ist ein Universum und der besagte Online-Shop befindet sich am irgendwo am Ende dessen. Wie soll diesen dort jemand finden? Und warum?

Somit ist es vielleicht emotional erstmal beruhigend einen Online-Shop aufzubauen. Die Investition dafür wird aber den einen Euro übersteigen. Und dann wird es darauf ankommen, langsam aber sicher den Shop vom Ende des Universums in die „Fußgängerzone des Netzes“ zu schieben. Oder die Fußgängerzone Richtung Ende des Universums. Das ist aber weniger einfach als sich das zunächst schwierig liest. Das ist Arbeit, denn die Wege sind weit in Universen.

 

Und jetzt neu: Vom Online-Shop zu unserem Online-Shop

Der entscheidende Schritt ist der, den die Kunden über die Schwelle unserer Tür machen. Das ist zum einen mit finanziellem Aufwand und Werbung möglich. Das machen viele. Diese Strategie zu fahren ist nicht aussichtslos. Sie ist aber wenig originell, sie ist unpersönlich, kopierbar und deswegen – aus meiner Sicht – unattraktiv.

Der bessere Weg ist, aus (irgend)einem Online-Shop unseren Online-Shop zu machen. Und hier wiederum hilft es zu wissen, was wir alle als potenziell kaufende konsumierende Kunden im Netz so machen. Wir kommunizieren, wir konsumieren Medien, informieren uns, wir lesen, wir schauen Videos. Das muss der Netzladenbesitzer wissen – und nutzen. Das ist die oben genannte Arbeit. Der Ladenbesitzer muss über sich informieren, erzählen und kommunizieren. Er muss sich auf den Marktplätzen des Netzes tummeln und in Kontakt mit uns treten. Nur die Tür aufzumachen reicht bei Weitem nicht. Er muss sich interessant machen. Stories erzählen. Das machen schon nicht mehr so viele.

Die Aufgabe ist es also, aus diesen Vielen herauszustechen; nicht für alle, aber für die, die den eigenen Netzladen betreten sollen. Er muss seine Kunden von der analogen hin zur digitalen Tür bringen. Es gilt, aus irgendeinem Ein-Euro-Laden einen „unseren“ Laden zu machen. Und mit „unser“ soll die Transaktions-Gemeinschaft „Unternehmer – Kunde“ gemeint sein. Kunden müssen dazu eingeladen werden, den Laden als „unseren“ zu sehen und zu mögen. Das gelingt in Fußgängerzonen, aber auch am Ende des Universums. Denn glücklicherweise ist das Ende des Universums im Netz nicht mit dem ÖPNV über Millionen von Haltestellen, sondern nur mit einem einzigen Klick zu erreichen. Doch dieser eine Klick braucht viel Vorarbeit. Dann wird die Fußgängerzone ans Ende des Universums geschoben. Und dann macht es wieder „Palim Palim“ – sofern es programmiert ist.

 

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