Wir sind das Marshmallow-Volk!

Wir haben ja nicht nur Pandemie, sondern wir haben zum Beispiel auch Klima. Beides lässt sich nicht mit dem ersten Marshmallow, mit dem Spatz, mit dem letzten Schluck bewältigen.

 

Kind gegen Marshmallow

Walter Mischel gilt als einer der berühmtesten Psychologen des 20. Jahrhunderts. Dies hängt vor allem mit einem Versuch zusammen, den er in den 1960er Jahren in einem Kindergarten in Kalifornien durchgeführt hat: das weltweit bekannte, viel zitierte, umfangreichst interpretierte und selbst für die Werbung bis heute verwendete Marshmallow-Experiment.

Um was ging es in diesem Experiment? Das ist relativ schnell erklärt. Mischel setzte Kindern im Alter zwischen vier und sechs in einem Raum ein Marshmallow vor. Das konnten sie, sofern sie wollten, sofort essen. Alternativ bot ihnen aber der Psychologe an, dass sie ein wenig später ein zweites Marshmallow bekämen, wenn sie genau das nicht machen würden. Und dann verließ er für 15 Minuten den Raum. Manche Kinder konnten nun der Versuchung widerstehen und tatsächlich das zweite Marshmallow ergattern. Andere Kinder schafften das nicht. Ihnen war der unmittelbare einmalige Genuss wichtiger, als der spätere zweimalige und damit größere Genuss. Walter Mischel hat diesen Versuch auch mit seinen Kindern und deren Freunden oft wiederholt. Durch die Beobachtung der Entwicklung der Kinder hin zu Jugendlichen und Erwachsenen zog er seine Schlüsse aus diesem seinem Experiment. Grob zusammengefasst könnte man sagen: Kinder, die warten konnten, haben es im Leben leichter und sind erfolgreicher. Kinder, die das Marshmallow jetzt und sofort vertilgten, haben es später schwerer. Dass dieses Ergebnis Jahre später auch widerlegt oder zumindest in Frage gestellt werden sollte ist hier unerheblich.

 

Jetzt gegen Später

Der Begriff, der durch das Marshmallow-Experiment geprägt wurde, ist der des Belohnungsaufschubs. Das Marshmallow sofort zu essen ist durch den unmittelbaren Genuss sofort Belohnung. Dieses nicht sofort zu essen ist eben durch den Nicht-Genuss keine Belohnung; und dabei auf später zu hoffen oder zu vertrauen ist Belohnungsaufschub.

Wir Menschen leben nun manchmal bewusst und noch viel mehr unbewusst stets nach dem Belohnungsprinzip. Wir wollen für das, was wir tun, belohnt werden. Das fühlt sich gut an. Und irgendwie werden wir immer belohnt oder belohnen uns selbst und wenn es eben nur der Genuss eines Marshmallows ist. Wenn das klappt, und so ein Ding zu essen klappt eigentlich immer, dann machen wir es wieder. Wenn es nicht so klappt, dann sind wir unzufrieden, müssen uns etwas überlegen und vor allem etwas anderes tun. Das ist die weniger schöne, weil zunächst aufwändigere Variante. Sofort belohnt zu werden ist besser. Daher ist der Belohnungsaufschub definitiv nicht attraktiv. Zusätzlich können wir noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es wirklich nur ein Aufschub ist. Vielleicht kommt das, was jetzt möglich ist, später nicht mehr; und was noch Besseres erst recht nicht. Da ist das Jetzt nicht nur besser, sondern vor allem auch sicherer.

Aber natürlich wissen wir, dass nicht alles sofort erreicht werden kann. Meistens gilt es in der Tat langfristig zu denken, das zweite noch nicht vorhandene Marshmallow im Blick zu haben und darauf zuzusteuern. Das heißt: die jetzt vor uns liegende Belohnung zu ignorieren, um später an die größere Belohnung zu kommen. Was sich so einfach und nachvollziehbar liest, ist in der Realität weit weniger einfach – und deswegen im übertragenen Sinne überall erlebbar. Das zweite Marshmallow wartet hinter jeder Ecke, nicht sichtbar, für später. Vorhanden, aber nicht greifbar. Noch nicht.

 

Marshmallow gegen Kröte

Wenn wir also an dem Tisch mit einem Marshmallow sitzen und die Wahl haben, dann haben wir dort nicht nur den Schaumzuckerklumpen liegen, sondern immer auch zusätzlich eine imaginierte Kröte sitzen. Und wir müssen uns nun entscheiden.

Derzeit haben wir viel zu viel Pandemie. Darüber sind wir uns alle einig. Das, was bei uns gegenwärtig auf dem Tisch liegt, ist weniger ein Marshmallow, als vielmehr eine richtig dicke Kröte. Hohe Infektionszahlen und Intensivbettenbelegungen, leichte und schwere Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und andere Einschränkungen allüberall und Mund-Nasen-Schutz als Standard. Das alles ist viel mehr Kröte als Marshmallow. Darüber sind wir uns alle einig.

Während es eine Freude wäre, das vor uns liegende Marshmallow in den Mund zu stecken, zu zerkauen und zu schlucken, ist das vergleichsweise bei einer Kröte nicht ganz so verlockend. Und trotzdem sind wir jetzt gerade dazu gezwungen, genau diese nicht wohlschmeckende Kröte zu schlucken, um später wieder zu den genussreicheren Sachen zurückkehren zu dürfen. Das Prinzip ist das Gleiche. Wir haben derzeit nicht nur einen Belohnungsaufschub, sondern einen ganzen Belohnungsstau! Das wollen wir nicht. Wir alle wollen wieder zurück zu der guten alten Zeit, in der es noch keine Pandemie und keine Vorgaben zum Mund-Nasen-Schutz gab. Das ist unser zweites Marshmallow, auf das wir warten müssen. Bis dahin müssen wir die Kröte schlucken. Der Unterschied zum Mischel-Experiment ist, dass wir objektiv keine Wahl haben. Das scheint aber für etliche Menschen zu viel zu sein. Viel zu viel!

 

Spatz gegen Taube

Der Volksmund begnügt sich gerne mit dem sicheren Jetzt; weniger oder gar nicht mit dem vielleicht besseren Später. Dazu hat er dann eine gute Begründung gefunden, die da bekannter Weise lautet: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach!“ Damit ist alles gesagt. Was ich jetzt haben kann, nehme ich mit. Das andere ist für mich ab dann auch nicht mehr so, bis hin zu überhaupt nicht mehr interessant. Weil: Ich habe ja den Spatz.

Das dürfte das grundsätzliche Problem unserer Gesellschaft sein: Der Spatz, das Jetzt in der Hand. Der Rest, das Bessere auf dem Dach, weit entfernt, spielt damit auch keine Rolle. Nicht fürs Jetzt und den Moment. Für´s Später schaun´mer mal. Das ist maximal Zukunftsmusik und damit nicht greifbar.

Der Essayist Wolf Lotter hat in seinem Artikel über Zukunft und Visionen „Das Beste, was uns passieren kann“ (Brand Eins, 12/2020; S. 44f.) so passend ein Beispiel aus dem Alltag beschrieben: „Die Visionen, …, sind so wie bei den Leuten, die sich jahrelang und regelmäßig ein paar Gläschen zu viel genehmigt haben, und nun, krank beim Arzt und leidend, Stein und Bein schwören, dass sie gleich morgen mit dem Saufen aufhören. Nur noch einen Schluck. Dann ist aber Schluss.“ Der Spatz, das Marshmallow jetzt ist eben jetzt gerade im Jetzt dann doch wichtiger als die auf dem Dach befindliche und damit nur mit Mühe schwer zu erreichende Taube. Nur noch einen Schluck. Nur noch dieses eine Marshmallow. Jetzt.

 

Realität gegen Irre(alität)

Und damit sind wir endgültig im Jetzt und Später angelangt. Wir haben ja nicht nur Pandemie, sondern wir haben zum Beispiel auch Klima. Beides lässt sich nicht mit dem ersten Marshmallow, mit dem Spatz, mit dem letzten Schluck bewältigen. Dazu braucht es eine Vorstellung von dem, was kommt, und ein Tun, um genau das mit größter Wahrscheinlichkeit zu erreichen. Ein Marshmallow nicht zu essen reicht da leider schon lange nicht mehr. Dazu haben wir in der Vergangenheit auch schon viel zu viele von diesen vertilgt. Für das Marshmallow oder gegen die Kröte zu protestieren, das reicht auch nicht. Auch nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das ist eher ein bisschen irre. Die meisten Herausforderungen, denen wir uns global, politisch, gesellschaftlich, technologisch, wirtschaftlich und anderweitig gegenübersehen, sind nicht mit der eigenen und sofortigen Belohnung zu schaffen. Dazu ist es notwendig, über den vor uns liegenden Marshmallow hinauszuschauen und die Zusammenhänge zu erkennen. Und danach zu handeln.

Wir werden jede Menge Marshmallows an uns vorüberziehen lassen und jede Menge Kröten schlucken müssen, um an die größere Belohnung zu kommen. Und die größere Belohnung ist nichts anderes, als die Zukunft überhaupt anständig erleben zu können. Enkelfähige Zukunft wird das heute oft genannt. Mit anderen Worten: Wir verzichten nicht nur auf unser Marshmallow und schlucken stattdessen Kröten, sondern wir erhalten noch nicht einmal die Belohnung selbst. Ein generationen-übergreifender Belohnungsaufschub? Für die Enkel?

Dazu sind viele Menschen nicht bereit. Die sich abzeichnende Realität der Zukunft ist für viele Menschen scheinbar nicht stark genug. Sie ist noch zu weit weg, als dass sie dem Spatz in der Hand Konkurrenz machen könnte. Und sie ist vor allem für andere. Da ist ja dagegen die Motivation für einen jetzt aber wirklich letzten Schluck vor dem Morgen noch richtig hoch. Zumindest für diejenigen, die den Spatz schon in der Hand halten – und sich vor allem mit ihrem Gehirn nicht wesentlich von diesen unterscheiden.

 

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