Zwergobst-Management – Die Kunst, das Ungewöhnliche zu erschaffen

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Das Ungewöhnliche wäre, sie zu Boden zu schmeißen, um zu schauen, was daraus entsteht und was man daraus machen kann. Kinder sind so. Erwachsene nicht. Nicht mehr.  

 

Vorsicht!! – Wie man das Ungewöhnliche verhindert 

Vor sehr vielen Jahren hat mein damals vielleicht dreijähriger Sohn seine gerade vor wenigen Minuten gekaufte Kinder-Sonnenbrille sogleich als Kies-Bagger verwendet. Das war nicht nur im Gesamtzusammenhang eher weniger erfreulich – wenn auch kreativ. Natürlich wurde das von meiner Seite aus sofort unterbunden: Brillen verwendet man ganz einfach nicht als Baggerschaufeln. Sonnenbrillen als Bagger verwenden ist sowieso ungewöhnlich. Auch wenn es theoretisch möglich ist. Gut, praktisch auch, wie mir gezeigt wurde.

Wir haben von Kindesbeinen an gelernt, dass wir uns auf sicherem Terrain bewegen sollten.  Wir bewegen uns dort, wo wir uns sicher fühlen. Weil es einfach besser, sicherer und erfolgversprechender ist. Und wir lernen es unseren Kindern wieder. Das alles ist nicht überraschend. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Eine solche behandelt man eben so, dass sie heil bleibt. Das ist gewöhnlich. Das Ungewöhnliche wäre, sie zu Boden zu schmeißen, um zu schauen, was daraus entsteht und was man daraus machen kann. Kinder sind so. Erwachsene nicht. Nicht mehr.

 

Palim, palim!! – Wie das Ungewöhnliche verliert

Haben Sie schon mal eine Flasche Pommes gekauft? Palim, palim?!

Vielleicht haben Sie das noch nicht; ich auch noch nicht. Ich habe das Angebot auch noch nie gesehen. Obwohl die Kombination kaum berühmter sein könnte. Aber dieser Sketch von Dieter Hallervorden bringt die Herausforderung, wenn es um das Ungewöhnliche geht, auf den Punkt: Es gibt keine Flasche Pommes. Punkt! Und wenn man das nicht einsehen will, dann werden einfach die Voraussetzungen geändert. Im Sketch: Die Rollen werden vertauscht, um beim Alten bleiben, ja, um das Alte absichern zu können. Dieter Hallervorden lässt sich in dem Sketch aber bekannterweise nicht irritieren und nicht von seiner Idee abbringen. Das ist neben der ungewöhnlichen Nachfrage das zusätzlich Ungewöhnliche. Denn im Normalfall sieht das anders aus.

 

Ach Mensch! Wie wir das Ungewöhnliche verlieren

Wir alle, also Sie und ich, lernen sehr schnell, was gewünscht wird und was eben nicht. Das lernen wir bereits als kleine Kinder. Wir lernen, dass Sonnenbrillen nicht als Bagger verwendet werden dürfen. Neue Sonnenbrillen erst recht nicht. Wir lernen aber auch unfassbar viele andere Dinge im großen Kontext von Erziehung und Sozialisation. Dann werden wir gelobt. Wir werden dafür gelobt, wenn wir etwas gut machen. Und gut ist das, was von uns erwartet wird. Unser „gutes“ Verhalten wird also verstärkt. Wenn wir etwas nicht so machen, wie es erwartet wird, dann werden wir getadelt, zurechtgewiesen und auf den Pfad des Richtigen, des Gewünschten gebracht.

Was gewünscht wird, das ist zumeist das Gewöhnliche und deswegen gut. Das was nicht gewünscht wird, das ist das Ungewöhnliche, das Unsichere und eben nicht gut. Der Pfad unseres Verhaltens und Denkens wird vorgegeben. Für ein gesellschaftliches und damit auch kulturelles Miteinander ist das auch unentbehrlich. Aber nur bis zu einem bestimmten Maß. Eine Flasche Pommes ist dabei kulturell überhaupt nicht vorgesehen.

 

Geht doch!! – Wie man das Ungewöhnliche ausschließt

Der Lernprozess geht aber nach und neben den Eltern in der gleichen Systematik weiter. Wir Menschen lernen in Kindergärten uns so zu verhalten, wie Erzieherinnen und Erziehungspläne das für uns vorsehen. Dann werden wir gelobt. Wenn wir uns anders verhalten und das Ungewöhnliche bevorzugen, dann werden wir nicht gelobt – im günstigsten Fall. In der Schule geht es weiter. Agieren wir entlang der Musterlösung, dann ist alles gut. Bewegen wir uns jenseits dieser, wird das mit Punkteabzug bewertet. Wir erleben es in der Ausbildung, wir erleben es in der Arbeit. Der Lehrer, der Ausbilder, der Vorgesetzte sagt uns, was wir wie zu tun haben. Da ist das Ungewöhnliche, das Neue, die Innovation und die Flasche Pommes aber mal richtig ausgeschlossen.

Wir machen das und steigen deswegen die Karriereleiter nach oben. Und scheren wir aus, was per se auf einer Leiter schwierig ist, dann sind wir schnell in der Gefahr, dass wir abstürzen. Der ideenreiche deutsche CDU-Politiker Friedrich Merz könnte davon ein Lied singen. Macht er aber nicht. Können wir den Sturz auffangen und dann wieder nach oben klettern, dann hören wir von oben: „Na also, geht doch!“ Friedrich Merz hat das nie gehört. Seine Ideen sind dann auch wieder vom Markt verschwunden.

 

Achtung! – Das gewöhnliche System

Hinter diesem System steckt eine Annahme, die zumeist nicht erkannt wird und nicht nur deswegen so fatal ist. Dieses System setzt nämlich voraus, dass vor uns und / oder über uns sich Menschen befinden, die den vollkommenen Überblick haben; die genau wissen, was ist und was kommt; die mit allen Wassern gewaschen sind; die unantastbar sind; deren Einschätzungen nicht verbessert werden können. Sie geben den Pfad vor, weil das der einzig richtige ist. Das Ungewöhnliche wird damit ausgeschlossen. Es sei denn, der Vorgesetzte ist ungewöhnlich. Das ist aber meist unwahrscheinlich. Denn wie soll er denn in diese Funktion gekommen sein?

Reinhard Sprenger zeigte in seinem Vortrag „Mythos Motivation“ vor vielen Jahren einen Cartoon, in dem ein Manager seinen neuen Mitarbeiter begrüßt. Er legt ihm von oben die Hand auf die Schulter und sagt zu ihm: „Genau so habe ich mir Sie vorgestellt!“. Der Clou daran: Die beiden Männer (!!) sind absolut identisch, bis auf eine Sache: Der Neue ist nur halb so groß, er ist ein Zwerg. Wir achten auf unsere Porzellankiste! Die ist prallvoll mit Gewöhnlichem! Und was anderes wird auch nicht gewünscht. Das Ungewöhnliche gilt es zu verhindern! (Wie man Innovationen erfolgreich verhindern kann lesen Sie in 12,2 Wege ein guter Killer zu werden)

Das Ungewöhnliche kann man nur schwierig als System etablieren. Aber man kann ein systematisches Denken für das Ungewöhnliche schaffen. Hier sind vier Tipps, wie Sie das Ungewöhnliche erschaffen, provozieren oder wachsen lassen können.

 

Jetzt aber!! – Wie man das Ungewöhnliche erschafft – Ein Tipp

Schmeißen Sie gedanklich Ihre Porzellan- oder Obstkisten zu Boden und versuchen Sie etwas Neues, etwas Ungewöhnliches daraus entstehen zu lassen: Ein Mosaik aus den Scherben! Oder einen Smoothie aus dem zermatschten Obst. Überlegen Sie, inwieweit es Sinn macht, Ihre Produkte, Ihre Dienstleistungen zu Boden zu schmeißen! So geht Innovation!

 

Jetzt aber!! – Wie man das Ungewöhnliche erschafft – Noch ein Tipp

Genehmigen Sie es sich, im Unternehmen Fehler zu feiern. Macht man alles wie gewöhnlich, wird man kaum Fehler haben. Das ist gut! Aber es entsteht auch nichts Neues! Das ist nicht gut! Das Ungewöhnliche nimmt unbekannte Wege. Wir wissen nicht, wie es wird. Insofern ist es auch kein Fehler. Aber man darf auch gescheiterte Projekte feiern. Wir haben es probiert, wir sind eine Erfahrung reicher. So geht Innovation!

 

Jetzt aber!! – Wie man das Ungewöhnliche erschafft – Ein weiterer Tipp

Scheren Sie aus der gewöhnlichen Personalpolitik aus. Stellen Sie Menschen ein, die nicht in Ihr gewöhnliches Muster passen. Stellen Sie Menschen ein, die nicht Bestnoten haben, die aus einer völlig anderen Branche kommen, aus einem anderen Kulturkreis oder, und das ist dann die hohe Schule: die Ihnen unsympathisch sind. Das bedeutet Reibung. Obstkisten stürzen um. So geht Innovation!

 

Jetzt aber!! – Wie man das Ungewöhnliche erschafft – Ein letzter Tipp für heute

Lassen Sie Ihren Mitarbeitenden Freiräume. Erklären Sie statt „was zu tun“ und „wie es zu tun“ ist, viel mehr, wozu das zu tun ist. Lassen Sie die Wege offen! Nutzen Sie die Kreativität, das Engagement Ihrer Mitarbeitenden. Übertragen Sie Verantwortung! Kümmern Sie sich nicht um das Klein-Klein! Kümmern Sie sich um die ganz großen Räder, um das ganz große Obst!

Denn wie sagte schon Georg Christoph Lichtenberg so schön: „Ich fürchte, unsere sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst.“

 

Zitate von Dr. Markus Reimer aus seinen Vorträgen zu Innovation, Agilität, Wissen und Qualität.