Kinder müssen Zukunft können – Zwischen Anspruch, Absicht, Wirklichkeit

Zukunft und Kinder! Darum geht es heute. Diesen Vortrag habe ich am 05. Juni 2019 zum 10-jährigen Bestehen der Koordinierenden Kinderschutzstelle Deggendorf gehalten. Es war mir eine Ehre diese Festrede dort halten zu dürfen:

 

„Kinder müssen Zukunft können – Zwischen Anspruch, Absicht, Wirklichkeit

Menschen brauchen Menschen

Um den folgenden Ausführungen folgen zu können ist eine Voraussetzung notwendig zu verstehen. Das ist keine sonderlich komplexe Voraussetzung, aber leider auch keine so selbstverständliche, wie sie es eigentlich sein müsste. Und diese Voraussetzung ist: Wir Menschen brauchen andere Menschen, um so werden zu können wie wir sind. Menschenkinder brauchen also andere Menschen, um sich entwickeln zu können. Wir sind als Menschenkinder Mängelwesen, wie es der Philosoph Arnold Gehlen mal formuliert hat.  Wir brauchen andere Menschen, die auf uns einwirken – ob nun bewusst oder unbewusst, also durch Erziehung oder Sozialisation.

Hätten Sie also keine anderen Menschen um sich gehabt, dann würden Sie heute nicht hier sitzen. Sie könnten nicht gehen, nicht sprechen, ja, sie hätten noch nicht einmal überlebt. Das heißt also, dass Kinder, kleine Kinder, sehr kleine Kinder im frühen Kindesalter Menschen brauchen. Kinder sind auf andere Menschen angewiesen, aber sie können sie sich nicht aussuchen. Sie können sich nur an den Menschen orientieren, die sie umgeben. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Nicht für die Kinder. Das ist banal, aber es ist wichtig sich das immer wieder zu vergegenwärtigen. Menschen brauchen Menschen. Sie brauchen sie, um in der Gegenwart bestehen zu können und um für die Zukunft vorbereitet zu sein. Das ist die Voraussetzung zu verstehen.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Wenn wir jetzt von der Zukunft sprechen, dann müssen wir feststellen, wie Karl Valentin es mal formuliert hat, dass sie auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Das mag sich erst einmal absurd anhören. Beim zweiten Nachdenken ist es das aber gar nicht mehr. Denn die Zukunft hat sich für uns alle verändert, falls man das so benennen kann.

Es ist noch nicht so lange her, da wussten alle, wie sich die Zukunft im Großen und Ganzen gestalten würde: Der Opa war Küfner, der Vater war Küfner, also wird auch der Sohn Küfner. Was sonst? Der Opa war bei der Sparkasse, der Vater war bei der Sparkasse, also ist auch die Tochter bei der Sparkasse. Was sonst? Der Sohn erbt den Hof, er heiratet das Annerl vom Nachbardorf, das haben die Väter schon alles geregelt. Und so weiter. Der Freiheitsgrad war enorm eingeschränkt, die Sicherheit war dafür umso höher. Ob Sicherheit mit Glück und Zufriedenheit einher ging, das bleibt natürlich sehr zu bezweifeln. Das alles hat sich seit einigen Jahrzehnten enorm verändert. Das hat sich zum Glück sehr verändert. Der Freiheitsgrad hat sich vervielfacht, zugleich hat sich der Sicherheitsgrad enorm gesenkt. Bereits in den Achtziger Jahren hat der Münchner Soziologe Ulrich Beck deswegen unsere Gesellschaft als Risikogesellschaft benannt Das zeigt sich am besten an unseren eigenen Biographien: Klassisch war der Lebensentwurf: Schule und Ausbildung, dann einen Arbeitsplatz haben, heiraten, hausbauen, Kinder haben, Rente, Tod.

Permanente Pubertät

Heute leben wir quasi in einer permanenten Pubertät: Wir machen eine Ausbildung, die wir ein paar Jahre später durch eine andere Ausbildung ersetzen und vielleicht diese nochmals durch eine andere. Wir haben heute eine Arbeitsstelle, die wir aber mit großer Sicherheit nicht bis zur Rente besetzen werden. Wir werden nochmals von neu anfangen. Wir heiraten eine Partnerin oder Partner, haben Kinder, lassen uns dann scheiden und fangen wieder von neu an. Mit der Scheidung ist in der Regel auch das Haus weg und wir fangen wieder von neu an: Wir bauen ein neues Haus, heiraten einen nächsten Partner, eine nächste Partnerin und haben wieder Kinder. Wir erfinden uns permanent neu. Das müssten wir nicht. Wir können es aber und machen es, weil wir die Freiheit dazu haben. Das verändert unsere Gesellschaft – und zwar massiv. Familiäre Strukturen mit mehreren Generationen unter einem Dach oder in einem Dorf oder in einer anderen regionalen Umgebung haben sich aufgelöst. Menschen, die für Kinder, für kleine Kinder Anhalts- und Orientierungspunkt waren, sind heute woanders; zum Beispiel in Altersheimen. Unsere gesellschaftlichen Strukturen sind fragil geworden.

Soziale Strukturen der Zukunft

Und natürlich hat sich nicht nur die Gesellschaft in ihren familiären Strukturen, sondern auch die gesamte Welt verändert. Nehmen wir einfach nur den technologischen Fortschritt, die politische Landschaft oder die Migrationsbewegungen. Nebenbei bemerkt: In zehn bis fünfzehn Jahren wird die Hälfte der Weltbevölkerung unter Wassermangel leiden; was das bedeutet, ist leicht absehbar.

In diese Welt werden unsere Kinder hineingeboren und sie haben keine Option sich irgendetwas davon auszusuchen. Sie müssen sich damit zurechtfinden. Das war schon immer so. Aber die Umstände, die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Das bedeutet: Nahe Menschen sorgen dafür, dass sich Kinder in einer freier, vielfältiger und komplexer werdenden Welt zurechtfinden; das ist keine Option. Es ist ein Muss.

Wissen und Können!

Und zu guter Letzt müssen Kinder können. Nicht nur wissen. Der Unterschied zwischen Wissen und Können lässt sich am besten an einem Beispiel erläutern. Wenn Sie einem Kind alles, aber wirklich alles übers Fahrradfahren erzählen, ihm Bilder von Fahrrädern zeigen, Filme übers Fahrradfahren vorführen, sich viele Fahrräder anschauen, sich an einen Radweg stellen und dort anderen beim Fahrradfahren zuschauen … dann weiß das Kind nach einer gewissen Zeit alles, aber wirklich alles übers Fahrradfahren. Was passiert, wenn Sie das Kind dann auf ein Fahrrad setzen? Genau, es fällt um. Wie kann das sein? Es weiß alles übers Fahrradfahren und kann es trotzdem nicht? Und hier kommt der Begriff des Könnens ins Spiel. Das ist etwas anderes. Können, oder gerne auch Kompetenz, bedeutet, dass das Wissen angewendet werden kann. Das heißt: Es ist wichtig dem Kind zu zeigen, wie man ein Fahrrad fährt; es zu unterstützen; ihm zu helfen. Sie laufen nebenher, Sie halten es, Sie lassen es los, das Kind stürzt, Sie trösten und motivieren, das Kind fährt wieder und irgendwann lassen Sie es los und das Kind kann fahrradfahren. Können ist mehr als wissen. Können ist aber auch anspruchsvoller als einfach nur etwas zu wissen. Es braucht Zeit, es braucht Engagement. Es braucht in der Regel Menschen, die anderen Menschen beim Können helfen.

Und damit wären wir beim Titel dieses Vortrags angekommen: Kinder müssen Zukunft können.

Wenn die Zukunft schwierig wird

Was ist aber, wenn die Menschen, die kleine, sehr kleine Menschenkinder haben oder demnächst erwarten, selbst Schwierigkeiten in der Gegenwart und damit zumeist auch in der Zukunft haben? Schwierigkeiten, Herausforderungen können, könnten durch funktionierende, stabile Familienkonstellationen aufgefangen werden. Was aber, wenn diese nicht oder nicht mehr vorhanden sind? Somit haben wir Menschen in schwierigen Situationen, in die wir übrigens alle geraten können, und wir haben kleine Menschenkinder, die sich an diesen Menschen in Schwierigkeiten orientieren müssen. Dass das unmittelbar für die Eltern oder werdenden Eltern und mittelbar für die Menschenkinder mehr als herausfordernd ist, steht außer Frage. Herausforderungen kann man bewältigen; man kann daran aber auch scheitern. In unserer Gegenwart, die vor allem durch viele Freiheiten und wenig Sicherheiten geprägt ist, ist das ein gesellschaftliches Problem.

Der Anspruch

Und jetzt landen wir beim Anspruch. Wir alle haben den Anspruch, dass es uns allen gut geht. Wir wollen soziale Gerechtigkeit, wir wollen, dass sich alle mit Respekt begegnen; wir wollen wirtschaftliche Stabilität, wir wollen ein stabiles Kima, sauberen Strom, eine erstklassige Krankenversorgung für alle. Wir wollen gleiche Bildungschancen und so weiter. Hier wird man wenig bis gar keinen Widerspruch ernten. Unser Anspruch an uns selbst als Gemeinschaft, um die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu bewältigen, ist wirklich ein hehrer. Wir sprechen gerne auch vom Anspruchsdenken. Das Verständnis hinter diesem Begriff bringt es aber nun schon sehr auf den Punkt. Wir haben Ansprüche; irgendwie zwar an uns selbst – vor allem aber an andere. Hier wird gerne „DIE Politik“ genommen. „Die Politik muss da was machen.“ Das hört und liest man allzu oft. „Die Politik muss sich darum kümmern.“

Die Absicht

Und damit sind wir bei der Diskrepanz angelangt zwischen Anspruch und Absicht. Während wir selbst unsere Ansprüche nach oben hin kaum zügeln können, so verfolgen wir mit unseren Absichten weniger hohe Ansprüche. Eine Absicht ist konkret und sie betrifft uns selbst: Was genau ist meine Absicht? Ich habe den Anspruch, dass sehr viel gegen den Klimawandel unternommen wird, ich habe jedoch nicht die Absicht meinen SUV gegen ein kleineres Auto oder meinen Holzofen durch eine Wärmepumpe zu ersetzen. Ich habe den Anspruch, dass es allen gut geht und allen geholfen wird, aber ich habe nicht die Absicht, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ein Ausweg dabei ist immer zu behaupten, dass sich darum ja die Politik kümmern müsse.

Was das in Konsequenz bedeutet, lässt sich an einem sehr einfachen Beispiel darstellen. Wenn am Deggendorfer Kreuz auf der A3 Richtung Passau Stau ist, dann hat das Auswirkungen auf die Abfahrt von der A92 auf die A3: Auf der rechten Spur ist deswegen auch Stau. Der Anspruch ist nun, dass der Verkehr Richtung Passau geordnet auf der rechten Spur stattfindet. Also die Fahrer Richtung  Passau sich auf der rechten Spur einordnen. Wer sich das schon mal angeschaut hat weiß, dass dem nicht so ist. Autofahrer scheren aus der rechten Spur aus, fahren auf der linken Spur Richtung Deggendorf und scheren dann weiter vorne wieder rechts ein. Was dazu führt, dass die komplette rechte Spur bremsen muss, und ebenso die linke. Daraus entsteht die Wirklichkeit. Wir haben sowohl auf der rechten, als auch auf der linken Spur Stau und alles geht insgesamt viel langsamer voran. Das Problem entsteht, weil Einzelne, die oft nicht so einzeln sind, ihre eigenen Absichten über den allgemeinen Anspruch stellen.

Zwischen Anspruch, Absicht, Wirklichkeit

Somit haben wir in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens eine große Diskrepanz zwischen Anspruch, Absicht und Wirklichkeit. Niemand will ein Problem: das ist unser Anspruch. Aber durch unsere eigenen Absichten generieren wir in unserer Wirklichkeit Probleme.

Wir haben in unserer gesellschaftlichen Gemeinschaft Probleme. Nicht alle zu jeder Zeit und in der gleichen Ausprägung. Aber wir haben sie und wir hier in Deutschland, in Bayern und auch im Landkreis Deggendorf stellen uns diesen Problemen. Wir haben Stellen geschaffen und schaffen Stellen, die Hilfestellungen geben können: Stellen, die mit ihren Absichten versuchen dem Anspruch gerecht zu werden, die Wirklichkeit zu einer besseren zu machen. Die Koordinierende Kinderschutzstelle gehört dazu. Sie kann dort eingreifen und helfen, wo für kleine Menschen Probleme in der Wirklichkeit auftauchen könnten oder bereits vorhanden sind.

KoKi macht Zukunft

Dazu ist es notwendig, dass bekannt ist, dass es diese Stelle mit diesem Anspruch und den dazugehörigen Absichten gibt. Dazu muss verstanden werden, dass das Wirkliche nur eine Sonderform des Möglichen ist, wie es Dürrenmatt mal formuliert hat. Und wenn die Wirklichkeit keine ideale ist, dann ist es möglich, diese zu ändern. Das macht die KoKi bereits seit 10 Jahren. Jedes einzelne Kind, welches sich in der Gegenwart auf die Zukunft vorbereiten muss, ist diese Anstrengung wert. Es geht darum, in einem funktionierenden Netzwerk dem Anspruch gerecht zu werden, für Menschen eine gute Wirklichkeit zu ermöglichen. Und darum ist es auch eine so notwendige, wie erfolgsversprechende Aufgabe der KoKi, dieses Netzwerk aus verschiedenen Stellen mit ihren engagierten Menschen weiter zu pflegen und auszubauen. Denn es gilt, wie am Anfang bereits angesprochen: Menschen brauchen Menschen; und nur Menschen können das! Sie sind durch nichts zu ersetzen. Deswegen darf auch heute ein großer Dank an alle hier vertretenen Menschen der Netzwerkpartner ausdrücklich ausgesprochen werden.

Von Menschen und Eichelhähern

Was können die Menschen in diesen Netzwerken leisten? Und damit bin ich am Schluss angelangt. Sie können das leisten, was Eichelhäher, oder wie wir hier sagen: Nusserer auch können. Eichelhäher sind zu 100% monogam. Also wenn der Partner gefunden ist, dann wars das für den Rest des Lebens. Da unterscheidet er sich schon mal von uns Menschen. Aber darum geht es jetzt nicht. Ich schildere Ihnen einen Versuch der Forscher der Universität in Cambridge in vereinfachter Form, da es vor allem auf das Ergebnis ankommt: Die Forscher haben sieben Eichelhäher-Paare gefangen. Sie haben dann den Weibchen ein bestimmtes Futter, irgendwelche Würmer, zu fressen gegeben. Immer dieselben Würmer. Die Männchen konnten dabei zusehen, konnten aber nicht eingreifen. Als die Forscher dann die Männchen nach einigen Tagen eingreifen ließen, hatten diese die Möglichkeit ihren Weibchen verschiedenes Futter zu bringen. Das Faszinierende: Die Männchen brachten ihren Weibchen das Futter, was sie bis dahin nicht hatten. Also nicht weiter so wie bisher Würmer, sondern den Männchen war bewusst, dass die Weibchen nach dem bisherigen Futter wohl lieber etwas anderes haben wollten. Das ist ziemlich überraschend, finden Sie nicht auch? Das nennt man Empathie. Und was Eichelhäher können, das können wir schon lange. Denn wir sind Menschen. Und als solche für andere da. Das ist, das muss unser Anspruch sein. Das ist auch der Anspruch an die nächsten zehn Jahre KoKi, wofür ich Ihnen alles Gute und viele kleine und große Erfolgsgeschichten wünsche, um die Wirklichkeit für unsere Kleinen und ihre Eltern zu einer besseren zu machen.

Vielen Dank!“

 

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