In the mood: Der Stimmungskongruenz-Effekt

Stimmungskongruenz hin oder her: Warum sollte man sich die guten, geradezu euphorisch stimmenden Ergebnisse madig machen lassen? Bis die Maden dann unter dem Unternehmenstor hindurchkriechen, man sie nicht mehr loswird und die Stimmung plötzlich im Keller ist.

 

Das Problem mit der Kerze

Man erlebt es 2018 mit der deutschen Fußballnationalmannschaft: Die Euphorie, mit der in die Spiele gegangen wird, wirkt überschaubar. Kann jedoch davon ausgegangen werden, dass mehr Euphorie zu mehr Erfolg führen würde? Vielleicht ist das der Fall, vielleicht aber auch nicht. Sehr oft werden Emotionen für Erfolg verantwortlich gemacht. Ein so alter wie auch berühmter psychologischer Versuch deutet zumindest in diese Richtung: Das Kerzenproblem des Gestaltpsychologen Karl Duncker aus 1945.

In diesem Versuch wurden die Teilnehmer vor die Aufgabe gestellt, eine brennende Kerze an einer Korkwand so zu befestigen, dass das Wachs nicht auf den Boden tropft. Auf einem Tisch lagen dazu eine volle Schachtel Streichhölzer und einige Reißnägel. Und natürlich die Kerze. Das Problemlösungsproblem bestand damals und besteht auch heute noch in der „funktionalen Fixierung“. Eine Streichholzschachtel ist eine Schachtel, in der Streichhölzer aufbewahrt werden. Das ist ihre Funktion. Dass die Schachtel aber auch geleert, dann mit Reißnägel an der Wand befestigt und so mit einer anderen Funktion als Podest verwendet werden kann, das ist zunächst so nicht in unserem Erfahrungsschatz vorgesehen. Genau deswegen schaffen es viele Teilnehmende nicht, dieses eigentlich sehr einfache Problem zu lösen. Stattdessen wird versucht mit Wachs an der Wand zu experimentieren, Reißnägel durch die Kerze zu drücken und ähnliches mehr. Eine Schachtel ist eine Schachtel ist eine Schachtel – und kein Podest. Nur 20% der Versuchspersonen kamen bei Duncker auf die Schachtelpodestlösung.

Interessanter wird dieser Versuch in einer Variation aus dem Jahr 1987!

 

High Life! Auf dem Weg zur Stimmungskongruenz

1987 hat die amerikanische Psychologie-Professorin Alice Isen das Kerzenproblem neu aufgelegt. Sie beeinflusste jedoch eine Gruppe der Teilnehmenden zuvor positiv durch das Vorspielen eines kurzen Ausschnitts aus einer Filmkomödie. Der Effekt, der daraus entstand, war ein faszinierender. Denn plötzlich waren es nicht mehr 20%, die das Problem lösen konnten, sondern sage und schreibe 75%!

Das heißt: Durch die positive Stimmung wurde die funktionale Fixierung sehr schnell aufgelöst und das Spektrum des Möglichen wurde als ein viel größeres erkannt. Die kognitive Flexibilität wurde erhöht. Das lässt viele weitere Schlüsse zu, die mittlerweile auch durch viele weitere ähnliche Versuche belegt wurden. Zum Beispiel: Positive Stimmung, positiver Affekt führt zu größerer Hilfsbereitschaft, zu besserer Wortflüssigkeit, besserem Verhandlungsgeschick … (siehe hierzu ausführlich Gesine Dreisbach, 2008: hier). Letztendlich, und das verwundert wiederum nicht, ist gute Stimmung auch ein Treiber für Innovation.

So können wir also festhalten, dass es nicht schlecht ist, gute Stimmung zu haben oder gar zu verbreiten. Stellt sich also die Frage: Würde es der deutschen Nationalmannschaft dann ab 2019 helfen, wenn man den Spielern vor jedem Spiel wahlweise „Palim Palim“, „Großhirn an Kleinhirn“ oder „Die Nudel“ vorspielt? Ein Indiz dafür gibt es bereits aus dem Jahr 2006: Dort spielte der damalige Trainer Jürgen Klinsmann seiner Mannschaft angeblich vor jedem Spiel Xavier Naidoos „Dieser Weg“ vor. Doch was hat dieses Lied oder was hat Xavier Naidoo überhaupt mit guter Stimmung zu tun? Und daraus folgend: Was wäre wohl möglich gewesen, wenn er ihnen genau dieses Lied nicht vorgespielt hätte? Wie dem auch sei: Deutschland wurde 2006 WM-Dritter. Trotz Naidoo.

 

In der Stimmungskongruenz – Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Es lässt sich also – nicht zuletzt auch aus eigenen Erfahrungen – sofort ableiten, dass gute Stimmung vielfältig gut ist. Wer würde schon schlechte Stimmung einer guten vorziehen? Es gäbe nicht viele. Soweit so gut.

Doch lässt sich nun daraus auch ableiten, dass gute Stimmung immer gut ist? Dass die vielfältige Informationsaufnahme, die festgestellte kognitive Flexibilität eine ausschließlich gute Sache ist? Dieser Frage ging unter anderem die Wissenschaftlerin Gesine Dreisbach (s.o.) nach. Und sie stellte fest: Nein! Denn hier tritt nun der Stimmungskongruenzeffekt auf den Plan.

Die Stimmungskongruenz zeichnet sich dadurch aus, dass Informationen in positiver Stimmung besser verarbeitet und damit positiv abgespeichert werden. Jedoch, und das ist nun das Überraschende, können diese gespeicherten Informationen vor allem dann wieder abgerufen werden, wenn die Stimmung eine ähnliche ist. Das heißt: Der Kontext der Informationsaufnahme korreliert mit dem Kontext der Informationsabrufs oder -wiedergabe; positiv wie negativ. Wenn ich also maximale Ergebnisse erreichen will, dann muss ich den Kontext beibehalten – oder ihn wiederherstellen können. Dabei ist es unerheblich, welche Qualität die Informationen an sich haben. Das könnte sogar eine Liste mit Naidoo-Liedern sein.

Auf den Unternehmensalltag bezogen heißt das, dass das, was vielleicht in guten Zeiten in der Euphorie aus dem Effeff vollbracht und bewerkstelligt wurde, in schlechten Zeiten wenig bis gar nicht abgerufen werden kann. Obwohl die Informationen, das Wissen, die Erfahrungen vorhanden wären. Oder auf die Schule bezogen: Das in einer guten konstruktiven Stimmung Erlernte kann in einer knallharten mit Druck und Angst besetzten Prüfung durch die Prüflinge nicht mehr abgerufen werden: keine Stimmungskongruenz.

Es gibt also gute Zeiten und es gibt schlechte Zeiten: Und diese sollte man gut voneinander trennen.

 

Es lebe die Spaßbremse! 

Fürderhin (ich wollte dieses Wort einfach mal verwenden!) gilt es zu berücksichtigen, dass in einer guten, vielleicht gar in einer euphorischen Stimmung vor allem positive Informationen aufgenommen werden. Sie passen in den Kontext. Und wer kennt es nicht: „Ich lasse mir doch nicht die Stimmung verderben!“ Dadurch ist aber das, was die Stimmung verderben könnte, nicht obsolet. Nur die Bereitschaft es aufzunehmen ist wenig bis nicht vorhanden. Das kann gefährlich werden. Dagegen werden die positiven Informationen umso bereitwilliger aufgenommen und in das Gesamtgefüge verstärkend eingebaut. Und die Stimmung wird gleich noch besser

In Unternehmen werden genau an dieser Stelle immer wieder gravierende Fehler in Form von Versäumnissen gemacht. Warum sollte man sich die guten, geradezu euphorisch stimmenden Ergebnisse madig machen lassen? Bis die Maden dann unter dem Unternehmenstor hindurchkriechen, man sie nicht mehr loswird und die Stimmung plötzlich im Keller ist.

Also ist es als Fazit gut, gute Stimmung zu haben, sie zu verbreiten und zu fördern. Aber die eine oder andere Spaßbremse sollte dann doch im Euphorievehikel eingebaut sein, um der einen oder anderen Made ausweichen zu können. Vielleicht war das der Plan des Jürgen Klinsmann: Die Euphorie des deutschen Sommermärchens 2006 ein wenig im Zaum zu halten. Dank Naidoo ist ihm dies ganz gut gelungen: schon sehr viel Spaß, aber dann doch mit madigen Liedern.

 

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