Regelbruch-Schmarotzer!!!

Ein Gespenst geht um in der Managementwelt. Schon seit längerer Zeit. Das Gespenst des Regelbruchs. Begleitet von seiner Gespensterschwester Querdenkerin. Was für ein Unsinn!

 

Regelbruch gewünscht, nein, gefordert!  

Ein Gespenst geht um in der Managementwelt. Schon seit längerer Zeit. Das Gespenst des Regelbrechers. Begleitet von seiner Gespensterschwester Querdenkerin. Und sie werden bejubelt. Wir brauchen mehr davon! In Unternehmen, in Gesellschaften, auf der ganzen Welt. Wir müssen viel mehr Regeln brechen. Am besten brechen alle alle Regeln, dann haben wir das Buffet für eine erfolgreiche Zukunft angerichtet! Ganze Clubs sind entstanden, die vor allem auf die enorme Anzahl ihrer Mitglieder verweisen. Alles voller Regelbrecher. Der Regelbruch ist der neue Standard! Schaut man auf linkedIn, Facebook, Twitter: Alles voller Regelbrecherinnen und Querdenker. Und diese machen die Welt besser! So heißt es.

Was passiert aber eigentlich, wenn alle querdenken? Wogegen kann man dann eigentlich noch querdenken, wenn alles kreuz und quer ist? Eine Metafrage, die keiner Antwort bedarf.

Was aber soll das mit dem Regelbruch? Warum hat dieses eigenartige Denken eine solche Dynamik angenommen? Warum fühlen sich selbsternannte Regelbrecher als derartige Helden, so dass sie dies in ihren Profilen kundtun müssen? Mein Haus, mein Auto und hier mein Regelbruch!? Echt? Die Beweisführung des eigenen Regelbruchs dürfte manchmal dürftig sein …

Schauen wir uns diese Verirrung mal näher an.

 

Regelbruch – ohne Sokrates!  

Es ist meiner geistigen Herkunft geschuldet: Ich schlage einfach immer wieder gerne im grenzenlosen Buch der Philosophie nach. Und hier landet man schnell bei einem sehr besonderen Fall. Vielleicht kennen Sie die berühmte Geschichte über Sokrates und dessen finalen Umgang mit Regeln und Gesetzen.

Falls nicht, dann gebe ich sie in aller Kürze hier wieder.

Sokrates wurde zum Tode verurteilt, unter anderem wegen des Vorwurfs, dass er die Jugend verderben würde. Er sollte deswegen, wie damals üblich, mit dem sogenannten Schierlingsbecher hingerichtet werden: einen Becher mit dem Extrakt der Schierlingspflanze, die letztendlich zum Atemstillstand führen würde.

Da jedoch die Verurteilung Sokrates´ zum Tode von vielen seiner Wegbegleiter als extrem ungerecht angesehen wurde, kam es dazu, dass Freunde ihm zur Flucht verhelfen wollten – und dies wohl auch tatsächlich gekonnt hätten. „Hätten“. Denn Sokrates lehnte die ihm mögliche Flucht ab. Dazu gleich mehr.

 

Allüberall Regelbruch

Schaue ich mich im Alltag um: Ich sehe permanent Regelbrecher und Regelbrecherinnen. Und jeder und jede davon regt mich auf! Beispiele gefällig? Aus meinem Alltag? Gerne!

  1. Ich stehe an einer roten Fußgängerampel. Die Masse interessiert das weniger. Nicht, dass ich dort stehe, sondern dass die Ampel rot ist.  Sie gehen über die Straße. Warum ist die Ampel wohl rot?
  1. Am Frühstücksbuffet steht: Bitte keine Speisen mitnehmen. Die Dame am Nebentisch stopft sich sage und schreibe VIER Bananen in die Hosentaschen ihrer Jeans, bevor sie geht. Kann sie sich keine vier Bananen außerhalb des Buffets leisten?
  1. Zu Beginn des Wanderwegs ein Schild: Bitte die Wege nicht verlassen, da es sich hier um ein Naturschutzgebiet handelt. Ich gehe zehn Schritte und sehe schon Menschen, die überall rumlaufen, nur nicht auf dem vorgegebenen Weg. Warum?
  1. Ich fahre auf der Autobahn auf der rechten Spur neben der durchgezogenen Linie in der vorgegebenen Geschwindigkeit. Der Fahrer hinter mir schert über die Linie aus und überholt mich – weit über der vorgeschriebenen Geschwindigkeit. Ob er das mit der Linie nicht weiß und er es wohl eilig hat?
  1. Bitte hier nicht rauchen! Waldbrandgefahr! Ich sehe trotzdem die Menschen rauchen; die Zigarette in der hohlen Hand versteckt. Ob durch die hohle Hand die Waldbrandgefahr geringer ist?
  1. Es hat sich auf der Straße eine lange Schlange an der Abbiegespur gebildet. Der Hintermann schert aus der Schlange aus, fährt an ihr vorbei nach vorne, um dort sich wieder in die Schlange zurückzudrängen. Wie sähe das Abbiegen aus, wenn das alle genauso machen würden?

Ich könnte endlos fortfahren! Egal wohin man sieht: Regelbruch findet allüberall statt. Wenn wir also permanent davon sprechen, dass wir mehr Regelbrecher und Querdenker brauchen, dann ist das meiner Meinung und meiner Erfahrung nach kompletter Unsinn. Wir brauchen nicht noch mehr. Wir haben schon genug!

 

Regelbruch-Schmarotzer

Was führt zum Regelbruch? Das Gespenst hat sich überall schon breitgemacht. Eindrucksvoll ist dies auch zu erleben, wenn man sich auf die Suche nach den Regeln des Anstands auf Social-Media-Plattformen macht.

Es ist nach meiner Ansicht einfach: Es ist der Egoismus. Wenn ich für mich einen Vorteil sehe, dann bin ich schnell bereit Regeln zu brechen. Wie groß dieser Vorteil ist, ist zumeist unerheblich. Wenn ich auf facebook beleidige und diskriminiere, dann erhöhe ich mich über die Beleidigten und Diskriminierten und das ist ein subjektiv gutes Gefühl – zum Schaden von jemand anderem. Also ein Vorteil für mich. Und Vorteil ist Vorteil. Wenn ich vier Bananen haben kann, dann versuche ich diese auch zu bekommen – zum Schaden von jemand anderem. Wenn ich in der Schlange weiter vorne stehen kann, dann mache ich das auch – zum Schaden von jemand anderem.

Regeln werden nicht gebrochen, weil damit die Welt eine bessere wird, sondern deswegen, weil ich ich bin und ich es kann und ich – und nur ich! – etwas davon habe. Was immer dieses Etwas ist. Regelbruch ist zumeist ein ausgeprägtes Schmarotzertum! Ich schmarotze durch meinen Regelbruch (zumeist!) von anderen.

 

Von Sokrates den Regelbruch lernen

Sokrates hätte nach seiner Verurteilung mithilfe seiner Freunde flüchten können. Und es wäre nachvollziehbar gewesen, denn die Verurteilung war wohl mehr als ungerecht. Aus heutiger Sicht sicher noch mehr als damals. Wie dem auch sei: Sokrates lehnte die mögliche Flucht ab.

Seine Begründung: Regeln, Gesetze und auch Urteile sind dazu da, um eingehalten zu werden. Würden sie nicht eingehalten, wären sie alle sinnlos. Wenn aber eine Regel, ein Gesetz oder ein Urteil sinnlos oder falsch sei, dann dürfe man die Regel nicht brechen, sondern die Regel ändern.

Mit anderen Worten: Wir brauchen keine Regelbrecher, sondern Regeländerer, dort, wo es notwendig erscheint. Und damit hat Sokrates meiner Meinung auch heute noch mehr als recht. Wir müssen überkommene, einengende, nicht nutzbringende Regeln ändern. Das ist viel aufwändiger als sie einfach nur zu brechen. Letzteres geht zumeist einfach; hat aber auch keine Wirkung.

Wenn dagegen Regeln geändert werden, dann gelten diese für alle und wir haben zumeist eine bessere, eine gerechtere Welt. Lassen Sie uns also Regeln unter die Lupe nehmen, auf den Prüfstand stellen und falls nötig: Ändern! Ändern ist besser als brechen! Nicht nur im wörtlichen Sinne …

 

 

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