Das Slash-Konzept – Von Guns´n Roses lernen

Slash ist Dreh- und Angelpunkt der Gunners. Er treibt alle, Band und Fans, vor sich her – bis wir alle soweit vor ihm sind, dass wir, Band und Fans, plötzlich hinter ihm wieder auftauchen und ihm einfach nur noch folgen wollen. Es ist faszinierend. Aus dem Treiber wird ein Leader! Ein Leader-Konzept.

 

Rarmachen – ein gutes Konzept?

Vor weit über 20 Jahren entschloss ich mich, nicht bei dieser Tour, sondern bei der nächsten Tour von Guns´n Roses, mitfeiern zu wollen. Das habe ich konsequent gemacht. Das Problem dabei war nur, dass zwischen dem Konzert damals und der nächsten Tour nahezu 25 Jahre lagen. Damit hatte ich damals nicht gerechnet. Nachdem sich die Band völlig zerstritten hatte und dann verkündete, nicht mehr in diesem Leben miteinander zu performen, da war meine Fehlentscheidung im Nachgang zementiert.

Nun sind sie doch wieder auf Tour gegangen, fast in Originalbesetzung: Das heißt vor allem mit Slash und Axl Rose. Niemand hatte mehr damit gerechnet. Und nun war ich endlich mit dabei. Es war kaum zu glauben. Ich und die anderen 69.999 Jubelmitstreiter im Münchner Olympiastadion waren aber sowas von gespannt. 25 Jahre sind eine lange Zeit des Vermissens (Apropos: Vermissen).

Ausgangspunkt der vorangegangenen Versöhnung war wohl Slash, der als einende Kraft hinter der damals noch nicht wieder vorhandenen Bühne gilt. Und als die Reunion feststand, die Tour bekanntgegeben wurde und die Tickets an die Schalter kamen: In Europa verkauften die Gunners innerhalb eines einzigen Tages eine Million Tickets. Eine Million. An einem Tag. Und die Preise je Ticket lagen dabei zwischen 100 und 150 Euro. Eines davon war meins! Yeah!

Unemotional betrachtet sieht das so aus: Hier ergab das Konzept der Attraktivitätssteigerung und der teuren Preise durch Angebotsverknappung richtig Sinn. Das ist nichts Neues. Das wird gelehrt und ist ein immer wieder praktiziertes Konzept. Aber bleiben wir bei Guns´n Roses; hier stellt sich natürlich die Frage: Wer kann sich als Unternehmen eine vierteljahrhundertlange Marktabstinenz wirklich leisten? Slash und seine Gunners konnten und können das.

Doch waren die Tickets nun auch ihren stattlichen Preis wert?

 

Treiben – ein Motivations-Konzept?

Wenn eine Band 25 Jahre nichts mehr miteinander zu tun hat, dann stellt sich die Frage, wie man diesen ausrangierten Musikoldtimer wieder in Gang bekommt. Das Konzept der Remobilisierung ist denkbar einfach und kann mit einem einzigen Wort beschrieben werden: Slash. Mit seinem wie immer schwarzen Outfit, seinem Zylinder und vor allem mit seiner Gibson-Les-Paul-Gitarre treibt er von Anfang bis Ende des fast drei Stunden dauernden Konzerts die Gunners vor sich her. Er verlässt die Bühne keine Minute, lässt die einzelnen Klassiker nahezu ineinander übergehen. Er treibt sich und seine Leute von einem Lied ins nächste; aus einem Solo am Ende eines Stückes wird ein Solo zum Anfang des nächsten Stückes, aus dem sich dann langsam der Wiedererkennungsriff herausschält und wir als staunende Fans vor Begeisterung klatschen, jubeln, trampeln, mitgrölen …

Slash ist Dreh- und Angelpunkt der Gunners. Er treibt alle, Band und Fans, vor sich her – bis wir alle soweit vor ihm sind, dass wir, Band und Fans, plötzlich hinter ihm wieder auftauchen und ihm einfach nur noch folgen wollen. Es ist faszinierend. Aus dem Treiber wird ein Leader!

Es dürfte nicht überraschen: Solche Leader gibt es überall! Auch in jedem Unternehmen, in jeder Organisation, selbst in Familien. Sie sind wertvoll, denn sie halten das System am Laufen, sie geben den Takt, die Richtung, die Geschwindigkeit vor. Das Highend ist dann erreicht, wenn aus dem anfänglichen Treiber-Konzept, in dem man als Mitglied nur reaktiv handelt, ein Leader-Konzept wird, in dem man als Mitglied aktiv folgt. Jede Organisation sollte ich genau überlegen: Wer sind ihre Treiber? Und sind sie noch Treiber oder schon Leader?

 

Gemeinsam – das Professionalitäts-Konzept

Weder Slash noch Axl Rose, die Hauptprotagonisten von Guns´n Roses, waren 25 Jahre von der Bildfläche verschwunden. Während Slash durchaus nicht unerfolgreich verschiedene Projekte verwirklichte, war Axl Rose eher durch eigenartige Eskapaden, als durch musikalische Leistungen in der Öffentlichkeit wahrnehmbar. Verschwunden waren sie beide nicht. Doch die einmalige Kombination der beiden Ausnahmekönner ergibt erst das Ganze. Auch wenn die anderen Original-Guns´n Roses-Mitglieder sicher auch ihren Teil zum Gelingen des Comebacks beitragen – der allermaßgeblichste Teil liegt bei Slash und Axl. Und das war im Konzert eindeutig zu sehen. Slashs Gitarre und Axls Gesang machen Guns´n Roses aus. Es ist eine explosive Mischung. Und dabei explodiert nichts Neues! Es werden nur alte Stücke, die meisten über 25 Jahre alt, zelebriert. Aber genau das wurde von uns Fans erwartet: Vor allem bei November Rain und Paradise City entlädt sich das gesamte Potenzial der Guns´n Roses-Familie! Es kocht!

Und dabei spielt es keine Rolle, dass Slash und Axl sich zwar wohl versöhnt haben, aber ganz sicher keine Freunde (mehr) sind. Die direkte Interaktion der Beiden auf der Bühne ist sehr überschaubar. Sie ist auf das Nötigste beschränkt. Aber das Nötigste ist nun mal das Wichtigste: Die Musik, und diese so abzuliefern, wie die Fans sich das gewünscht haben und wünschen. Und das können die Beiden par excellence! Das ist in höchstem Maße beeindruckend und für mich plötzlich eine offensichtliche Erkenntnis: Man muss nicht Gut-Freund sein, um eine gemeinsame Höchstleistung abzuliefern! Nein, das muss man nicht!

Und das kann doch eine wichtige, sicher nicht neue, aber wieder wertvolle Erkenntnis für Unternehmen sein: Wir müssen nicht alle Freunde sein, wir müssen nicht alle in Hochseilgärten, müssen nicht unbedingt gemeinsam kochen und müssen uns nicht blind durch Wälder führen. Das würde Slash mit Axl auch nicht machen. Und trotzdem können sensationelle Leistungen erbracht werden – wenn man sich zwar nicht auf der persönlichen, aber dafür auf der professionellen und zielausgerichteten Ebene findet. Das Professionalitäts-Konzept. Und Guns´n Roses beherrschen das. Es war gigantisch und jeder einzelne Euro war gut investiert in das Ticket.

Und wenn Sie mich nun fragen würden, wer für mich die beste Liveband überhaupt ist, dann würde ich sagen: Green Day!!! Damit haben Sie jetzt wahrscheinlich nicht gerechnet, oder? Ist aber wirklich so! Guns´n Roses hin, Guns´n Roses her.