Die Gravitation der Sichtbarkeit

Es spielt irgendwann überhaupt keine Rolle mehr, ob das Feld der Sichtbarkeit noch übereinstimmt mit dem Kern und damit dem Grund der ursprünglichen Sichtbarkeit. Und so äußern sich B- oder C-Schauspieler, Bergsteiger oder Fernsehköche für alle sichtbar zur gegenwärtigen Praxisrelevanz der Quantentheorie, zu Innovationen im Staudammbau oder zur politischen Tragfähigkeit von #cofveve – und werden dadurch auch gänzlich kompetenzfrei in diesem Bereich noch sichtbarer!

 

Tue Gutes. Sichtbarkeit ist überbewertet.

Vor über 15 Jahren war ich an einer großen Spendenaktion beteiligt. Es gab einen Galaabend und es wurden am Ende Spenden eingesammelt. Es kam ein richtig schöner Betrag zusammen. Wir waren sehr zufrieden. Am nächsten Tag kam ein stadtbekannter Unternehmer persönlich zu uns ins Büro und fragte uns, ob er denn noch spenden könne. Konnte er. Und dann überreichte er uns einen fünfstelligen Betrag. Wir waren perplex. Wir waren sofort der Meinung, dass man zu einer solchen Übergabe auf jeden Fall die Presse einladen müsse, denn dieser eine Betrag überstieg die gesamte Summe der Spenden des Vortags. Doch der Unternehmer wollte das nicht. Er wollte lediglich eine Spendenquittung, aber keine Aufmerksamkeit, keine Sichtbarkeit. Er mache das, weil ihm der Spendenzweck gefiel und er dahinterstehe. Wir waren beeindruckt. Ein Mensch, der Gutes tut und dafür nicht öffentlich gelobt werden will? Sehr beeindruckend.

„Tue Gutes und rede darüber!“ Ein Spruch, den man schon lange kennt, und der auch etwas leicht Vorwurfsvolles in sich birgt. „Tue Gutes“ ist gut und nicht zuletzt auch in vielen Religionen verankert. „Rede darüber“: Das ist etwas weniger irgendwo verankert. Das ist wohl eher so gemeint: „Ja, mach das, auch wenn es sich nicht so richtig gehört.“

So kann man das auch weiterhin machen. Sinnvoll ist das aber nicht.

 

Sichtbarkeit als neue Währung

Geld als fast überall akzeptierte Währung hat mindestens einen Nachteil: Man kann wohl nie genug davon besitzen. Geld hat aber auch einen Vorteil: Man kann es vermehren, ja, man kann es sogar nachdrucken. Das macht Geld als Währung jedoch auch schnell instabil. Es gibt aber eine andere Währung, die sich nicht vielfach vermehren kann: Die Sichtbarkeit.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass ich Sichtbarkeit in diesem Zusammenhang verstehe als Aufmerksamkeit im Sinne des Wissenschaftlers Georg Franck („Ökonomie der Aufmerksamkeit“, 1998). Menschen, Gesellschaften, Staaten, Unternehmen, selbst Tiere in der Balz – alle wollen Aufmerksamkeit und sie tun alles dafür, um diese zu erhalten. Die Mittel und Wege dazu sind mittlerweile nahezu unbegrenzt.

Bleiben wir bei den Unternehmen: Jedes Unternehmen muss sichtbar sein, zumindest für seine Zielgruppe. Sichtbarkeit erreicht man dadurch, dass man interessant ist oder sich interessant macht – das klappt in der Regel über Informationen. Über viele Informationen. Über spektakuläre Informationen. Über Informationen, die die Adressaten interessiert.

Das Problem ist nur: Wenn alle Sichtbarkeit wollen, wie soll dann in einem ganzen Wald von Informationen der einzelne Baum auffallen? So kam schon vor knapp vierzig Jahren der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon zu der Erkenntnis: „A society, that is information-rich, is attention-poor.“ Das macht es schwierig. Aufmerksamkeit ist natürlich begrenzt.

 

Die Sichtbarkeit und der Promi-Effekt

Wie erlangt man also am besten Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit? Sichtbarkeit erhält man am besten dadurch, dass man schon sichtbar ist. Und wenn ein Unternehmen oder Mensch sichtbar ist, dann werden sie immer noch mehr sichtbar. Dabei spielt es irgendwann überhaupt keine Rolle mehr, ob das Feld der Sichtbarkeit noch übereinstimmt mit dem Kern und damit dem Grund der ursprünglichen Sichtbarkeit. Und so äußern sich B- oder C-Schauspieler, Bergsteiger oder Fernsehköche für alle sichtbar zur gegenwärtigen Praxisrelevanz der Quantentheorie, zu Innovationen im Staudammbau oder zu den politischen Erfolgen von #cofveve – und werden dadurch auch ohne Kompetenz in diesem Bereich noch sichtbarer! Das ist völlig absurd, aber Realität! Und es gibt hier einige Beispiele! Was also tun?

 

Die Sichtbarkeitsgravitation

Wer sichtbar ist, ist oft auch erfolgreich. Das ist nicht zwingend so, auch wenn so mancher User den Erfolg in facebook für bare Münze hält. Gegenbeispiele dazu gibt es jede Menge. Jedoch ist mittlerweile eines unumstritten: Kunden und/oder User bevorzugen vor allem erfolgreiche und sichtbare Unternehmen, die dadurch noch erfolgreicher und noch sichtbarer werden. Diese Konzentration hin zu den Stärkeren, Sichtbareren, Erfolgreicheren schwächt in logischer Folge die Wettbewerber. Was erneut den Erfolg und die Sichtbarkeit der Stärkeren stärkt. So wird die ökonomische und Sichtbarkeits-Masse immer noch größer. Diese Erfolgsmasse wird zumindest mittelfristig zur Trägheit führen, da keinerlei Notwendigkeit mehr besteht zum Beispiel Innovation voranzutreiben oder Qualität zu liefern.

Was können Sie also tun? Bleiben Sie mit Ihrem Unternehmen sichtbar! Tun Sie viel dafür! Suchen Sie stets nach Mittel und Wegen sichtbar zu bleiben, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erhalten. Sie sichern so Ihre Wettbewerbsfähigkeit, aber auch den allgemeinen Wettbewerb und letztendlich unseren Fortschritt. Werden Sie keinesfalls träge! Sorgen Sie für Ihre eigene Sichtbarkeitsgravitation, denn sie ergibt sich leider nicht von alleine – nicht am Anfang.

Was mache ich selbst in dieser Hinsicht? Nun, ich veröffentliche zu meiner Sichtbarkeit jede Woche einen Blog-Artikel zu den Themen Innovation, Agilität, Qualität und Wissen; diese Woche mit dem Titel „Die Gravitation der Sichtbarkeit“. Aber wem erzähle ich das!?