Ein Festival für Fehler

Sicherlich ist es in Ordnung, Fehler machen zu dürfen – aber deswegen muss man sie doch nicht als Krönung allen Handelns feiern! Würden wir das zum Beispiel auf Fußball übertragen, so müssten wir uns in einer sorgsam ausgewählten Video-Sportschau-Collection mit Freude die wunderbarsten Eigentore der vergangenen Jahrzehnte zu Gemüte führen; parallel dazu knallen die Sektkorken. Das ist doch ausgemachter Blödsinn!

 

Der Fehler – Freund oder Feind?

Ein Freund hat mir vor Kurzem einen Cartoon zugeschickt. In diesem betritt ein Büroangestellter sein Büro und begrüßt seinen eindeutig missgelaunten Chef mit den Worten: „Sehen Sie mein Zuspätkommen doch mal positiv, Chef! So bleibt mir weniger Zeit Fehler zu machen!“

Das ist unbestechliche Logik! Keine Zeit um etwas falsch zu machen.

Nichts falsch machen? Ein sehr guter Ansatz. Vermeintlich!

Was ist eigentlich ein Fehler? Wer bestimmt, was ein solcher ist und was keiner ist? Bewegen wir uns im Feld des Qualitätsmanagements, dann ist er schlichtweg eine Nicht-Konformität. Das liest sich zwar nicht gut, trifft aber den Nagel auf den Kopf. Der Fehler „tritt dann auf den Plan“, wenn genau dieser nicht funktioniert – also nicht mit dem konform ist, was eigentlich beabsichtigt wurde.

Was aber, wenn etwas völlig Neues, zum Beispiel eine mögliche Innovation angegangen wird? Wir können zwar planen und haben eine gewisse Vorstellung davon, was entstehen soll. Aber da uns die hundertprozentige Rekursivität fehlt, können wir nur vermuten. Und wenn eine Vermutung nicht eintrifft: Ist das dann ein Fehler? Können wir, wenn wir uns im Feld der Innovation bewegen, überhaupt von einem Fehler sprechen? Oder im Feld des Changemanagements? Im Feld des Unbekannten wird dieser schwer bestimmbar. Und nebenbei: Wir bewegen uns sehr oft im Unbekannten; nicht nur bei Innovationen in Unternehmen; auch im privaten, gesellschaftlichen oder politischen Umfeld. Schauen wir uns einfach mal um:

War der Brexit, war die Trump-Wahl, war das Türkei-Referendum falsch? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wer will das schon objektiv beurteilen? Oft ist man immer erst im Nachhinein schlau, gegebenenfalls schlauer. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen sehr schnell klar wird, dass das, was gerade passiert, ein Fehler ist. Nehmen wir einen Autounfall: Gegen einen Baum zu fahren kann nicht Absicht sein; macht man es trotzdem – suizidale Absichten ausgenommen -, dann ist das falsch. Fährt man gegen einen Baum, weil man einer Person auf der Straße ausgewichen ist, dann ist es eher nicht falsch. Dann ist es vielmehr eine heldenhafte Tat. Weicht man dagegen wieder einer Person aus, die gar nicht da ist … also man weicht aus, weil man etwas wahrnimmt, was aber vielleicht nur ein Schatten ist, und fährt dann gegen einen Baum, dann ist es auf jeden Fall falsch – aber erst am Ende, also am Baum. Nachher ist man schlauer.

Also: Gegen einen Baum zu fahren ist ein Fehler. Aber es kommt auf die Voraussetzungen an. Und die sind von Mal zu Mal so verschieden, dass sie kaum verschiedener sein könnten.

Da wird zum Beispiel den Behörden in Deutschland, genauer den Behörden in Nordrhein-Westfalen zum Vorwurf gemacht, sie wären nachlässig gegenüber dem späteren Weihnachtsmarkt-Attentäter von Berlin gewesen und hätten damit einen Fehler gemacht. Natürlich: Im Nachhinein war das falsch, den Verdächtigen nicht festzunehmen. Ein Gutachter hat aber geäußert, dass den Behörden kein Vorwurf zu machen ist. Das heißt: Sie haben keinen Fehler gemacht. Das ist gut zu wissen. Und dass es am Ende immer Experten gibt, die alles von Anfang an schon gewusst hatten: Gönnen wir es ihnen und lächeln über so viel Selbstüberschätzung.

 

Der beste Fehler

Der beste Fehler scheint doch eigentlich der zu sein, den man nicht macht. Alles richtig zu machen ist immer gut. Oder? Gefühlt scheint das nicht mehr so zu stimmen. Sagen wir mal so: Fehler sind doch nichts Tolles, oder? Oder doch?

Sie haben es sicher schon bemerkt: Der Fehler an sich ist derzeit wohl in Mode! Alle sprechen davon, wie gut, wie toll, ja geradezu wie sinnvoll es doch ist, Fehler zu machen oder gar herauszustellen. Sie scheinen so sehr in Mode zu sein, dass es geradezu unschick ist, keine Fehler zu machen und dann darüber zu plaudern: in Büchern, auf Konferenzen, in Blogs, in Reden, in Fachartikel und wo auch immer. Möchte man es überspitzen: Eigentlich gibt es fast nichts Schickeres und vor allem – und darauf kommt es an – nichts „Authentischeres“ als Fehler zu machen und laokoonhaft zu scheitern.

Ich erlaube mir zu fragen: Was ist da nur passiert? Sind denn alle verrückt geworden?

Sicherlich ist es in Ordnung, Fehler machen zu dürfen oder zu scheitern – aber deswegen muss man Fehler doch nicht als Krönung allen Handelns herausstellen! Würden wir dieses glorifizierende Fehler-Denken auf Fußball übertragen, so könnten wir in einer sorgsam ausgewählten Video-Collection die wunderbarsten Eigentore und verschossenen Elfmeter der vergangenen Jahrzehnte bejubeln. Wir würden die grenzenlose Authentizität der Spieler und all die unglaublich vielen Fehler feiern. Und dann würden wir behaupten, dass man daraus jetzt unfassbar viel lernen könne; zum Beispiel in Zukunft keine Eigentore mehr zu schießen oder Elfmeter besser zu verwandeln. Ja, das ist natürlich eine Erkenntnis: nicht den Kopf hängen zu lassen und einfach weiterzumachen.

Auf der einen Seite: Das, was derzeit die Mode-Welle macht, ist ein fataler Fehler-Fanatismus. Was damit zugleich feststeht: Das kann nichts Gutes sein, denn Fanatismus ist niemals gut! Und auf der anderen Seite wird sehr gerne von Fehlern gesprochen, wo nicht davon gesprochen werden kann. Wir staunen über ein Festival der Fehler, bei dem es uns egal zu sein scheint, was genau da sich gerade auf den Bühnen befindet: „Wir sind Fehler!“

 

Der Schmerz des Fehlers: Das Problem der Innovation und Agilität

„Lessons learned.“ Ein gern genommenes Schlagwort für die Tatsache, dass man aus einem Fehler gelernt hat. Und im übertragenden – hier im wörtlichen – Sinne meint man nun, durch das Weitererzählen von Fehlern oder Scheitergründen, lessons an andere zu vermitteln, oder zumindest vermitteln zu können. Eine wesentliche Sache wird dabei aber völlig vergessen: Der Fehler eines anderen ist kein eigener. Der des anderen schmerzt bei weitem nicht so wie der eigene. Insofern sind Fehler vor allem eine emotionale Sache. Sie tun weh. Die von anderen tun weniger weh – Familie und Freunde mal ausgenommen. Jeder, der schon einmal Fehler gemacht hat – und wer hat das nicht? – weiß um deren zumindest emotionale Folgen. Aber genau das ist es, was einen Fehler so wirkmächtig macht: Die emotionale Belastung, etwas falsch gemacht zu haben – obwohl man es vielleicht hätte besser wissen müssen. Genau daraus lernt man. Und damit ist ein erstes Grundelement, eine erste Kategorie des „Aus Fehlern lernen“ beschrieben: das eigene Machen und Spüren, ganz im Sinne von Konfuzius, dem der Satz zugesprochen wird „Lernen aus Erfahrung ist die bitterste Art zu lernen“. Und mit Erfahrung ist natürlich gemeint: „Fehler“.

Natürlich kann und soll man über Fehler reden. Man kann daraus auch sicher etwas lernen. Aber der Effekt wird immer ein überschaubarer bleiben, solange dieser eher unbeteiligt im Raum steht. Es ist nicht der eigene Fehler und er wäre einem selbst höchstwahrscheinlich auch nicht passiert. Und damit wären wir noch bei einer zweiten, der wichtigsten Kategorie angelangt: Wer trägt die Schuld? Ganz einfach: Es hilft bei einem misslungenen Ereignis rein gar nichts, mühsam diejenigen zu finden, die nun Schuld haben oder haben könnten. Werden sie gefunden, die Schuldigen: ja und dann? Derjenige Spieler, der den Elfmeter verschossen hat, weiß auch selbst, dass er ihn verschossen hat. Es hatte sich bemüht das Richtige zu tun – aber es ist ihm misslungen. Ein Klassiker. Aber auch hier ist es doch schwierig von Fehler zu sprechen: Es kommt auf die Qualität des Torwarts, vielleicht auf die Beschaffenheit des Rasens oder vielleicht auch auf den Wind an. Also ist es wirklich sinnvoll hier von Schuld zu sprechen? Der Schuss ging daneben, das war nicht das Ziel und deswegen gibt es auch nichts zu feiern – jedoch braucht es ganz sicher auch kein Tribunal.

Aber zwischen Fehler und Schuld gibt es eine sehr traditionelle Verbindung. Wenn gegen Regeln und Vorgaben verstoßen wird und daraus negative Auswirkungen entstehen, dann können, und ja, dann dürfen wir auch von Schuld sprechen. In allen anderen Fällen ist es nicht nur nicht zweckmäßig, sondern völlig kontraproduktiv. Es muss Menschen, gerade auch in Unternehmen, in denen Innovation oder auch Agilität großgeschrieben wird, erlaubt sein, etwas machen zu dürfen, was vielleicht nicht gelingt.

Es kann nicht darum gehen Fehler zu feiern. Aber es geht darum, sie machen zu dürfen, um etwas auszuprobieren. Dann darf man auch mal scheitern. Und es geht nicht darum herauszufinden, wer dann wiederum Schuld hat. Es hat eben nicht geklappt. Dann heißt es wieder aufzustehen, Krone zurechtzurücken – und weiterzugehen. So sieht ein sinnvoller Umgang aus. Bei jedem Fehler nun gleich ein Fass aufzumachen und ein Fest zu schmeißen – oder wie im Cartoon oben gleich zuhause zu bleiben, um keine mehr zu machen: Beides geht, aber sinnvoll ist weder das Eine, noch das Andere. Will man Innovation in einem Unternehmen sinnvoll betreiben oder will man Agilität leben, dann sollte man ganz einfach den Fehler offen im Dorf lassen, statt ihn effekthaschend durchs Dorf zu treiben.

Ein empfehlenswertes Buch dazu ist übrigens „Das Donald-Duck-Prinzip“ von Irmtraud Tarr.