Der gute Fake – Innovationen im Sozialen

Wenn wir also von einer Inszenierung, einer Art Fake sprechen, dann hat jemand etwas vor. Interessant dabei ist die Tatsache, dass wir es hier zumeist mit richtig guten Innovationen zu tun haben. Denn gute Inszenierungen können sich nicht einfach so wiederholen. Kulturaufführungen vielleicht einmal ausgenommen.

 

Der Fake – Momentaufnahmen

„Ein kleiner Schritt für einen Mensch, ein großer Schritt für die Menschheit.“ Sicherlich ist das ein Satz für die Ewigkeit. Wir alle wissen, wer ihn wo gesagt hat. Aber immer wieder wird die Frage gestellt, ob denn dieser eine Schritt dieses einen Menschen überhaupt stattgefunden hat. Oder ob die ganze Geschichte mit der Mondlandung vielleicht doch nur eine Inszenierung, also ein Fake in irgendeiner Wüste war. Und ganz ehrlich: Ein Schritt eines einzelnen Menschen in irgendeiner Wüste, das wäre nun wahrlich kein großer Schritt für die Menschheit.

Beteiligen wir uns nicht an derartigen Spekulationen. Richtig ist, dass es schon immer Inszenierungen gab. Die einen fanden und finden noch immer im Theater statt. Sie dienen zur Belustigung, zur Unterhaltung oder auch zur imaginierten Realitätsspiegelung. Wenn eine Inszenierung richtig gut ist, dann kann es auch mal dazu führen, dass Schauspieler verprügelt werden. Bei einer der Uraufführungen von Schillers Räuber soll das wohl dem Franz-Darsteller so passiert sein. Weil die Zuschauer nicht mehr in der Lage waren zu unterscheiden, ob das auf der Bühne nun gespielt oder real war. Das ist heute nicht anders.

 

Der Fake – Motivationen

Eine Inszenierung passiert in der Regel nicht zufällig. Es steckt immer eine Absicht derjenigen dahinter, die die Inszenierung veranstalten. Es kann Unterhaltung, es kann Verwirrung, es kann Abschreckung, es kann vieles sein. Wir können die potemkinschen Dörfer oder die Gummipanzer der Geisterarmee der US-Army im zweiten Weltkrieg als Beispiele heranziehen. All das hat sich wohl so zugetragen und es lag immer ein bestimmtes Motiv dahinter.

Man will den Adressaten etwas vorgaukeln. Das kann zum Wohle des Adressaten sein – wie im Theater, aber es kann auch zum Wohle des Inszenierenden sein. Wenn wir also von einer Inszenierung sprechen, dann hat jemand etwas vor. Interessant dabei ist die Tatsache, dass wir es hier zumeist mit richtig guten Innovationen zu tun haben. Denn Inszenierungen sind neu und erfolgreich – und sie können sich nicht einfach so wiederholen. Dann wären sie ja auch nicht mehr neu. Theateraufführungen einmal ausgenommen.

 

Der böse Fake

Schwenken wir nun von der Unterhaltung und der listigen Täuschung hin zur arglistigen Täuschung. In diesem Fall sind wir dann endgültig bei dem Begriff des Fakes angelangt. Der Fake an sich ist nichts Gutes. Er ist eine Inszenierung, die jemandem schaden soll – und sei es nur durch die Überhöhung der eigenen Leistung gegenüber eines anderen. Blickt man sich in der Welt um, so hat man dafür genügend Beispiele. Leider ist in der gegenwärtigen Politik überall mittlerweile eine Art Fake-Wettbewerb ausgerufen worden. Und die besten Fake-Maker erhalten die meiste Aufmerksamkeit. Von uns! Das ist ja das Schlimme! Und darum wird gefaked, was das Zeug hält. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Es gibt nämlich auch noch die andere Seite der Medaille.

 

Der gute Fake – Die Türen

Der Fake hat als Innovation Einzug gefunden in einen Bereich des Lebens, der uns alle einmal mehr oder minder betreffen wird. In den Bereich der Altenhilfe. Und hier vor allem in die Arbeit mit demenzkranken Menschen. Diese können sich vor allem nur noch an Dinge erinnern, die schon sehr lange zurückliegen, oder an etwas, was schon lange sehr vertraut war und ist. Und hier setzt der gute Fake an.

Es gibt mittlerweile viele Unternehmungen, demenzkranken Menschen eine vertraute Umgebung zu schaffen, obwohl der Grund der Vertrautheit schon Jahrzehnte zurückliegt. So werden zum Beispiel aus vorhandenen Bildern aus vergangenen Zeiten der betroffenen Menschen Türen gesucht, gefunden und bildlich extrahiert. Diese Türen – also zum Beispiel die damalige Haustür eines demenzkranken Menschen – werden dann auf einer Fototapete rekonstruiert. Diese Fototapete wird dann auf die Tür des jeweiligen Bewohners im Pflegeheim geklebt. Und damit wird bei den Betroffenen wieder eine Art „Heimatgefühl“ geweckt. Das ist spür- und auch messbar. Die Menschen fühlen sich wohler. Es ist ein guter Fake.

 

Der gute Fake – Die Busse

Oder es werden vor den Pflegeheimen Bushaltestellen errichtet – an denen nie ein Bus hält. Dort kommt auch nie ein Bus vorbei, der halten könnte. Aber die Menschen haben das Gefühl in die Vergangenheit zurückkehren zu können. Sie setzen sich dorthin und warten aktiv auf den Bus. Der kommt zwar nicht, aber die Menschen werden ruhiger. Sie vergessen dann wieder den Grund ihres Kommens. Und sie kommen so wieder bei sich an, ohne in den sowieso nicht vorhandenen Bus einsteigen zu müssen. Es fühlt sich eigenartig an. Es ist vielleicht auch eigenartig. Man kann diese Innovation der gefakten Bushaltestelle in Frage stellen. Was aber, wenn sie den dafür vorgesehenen Zweck erfüllt? Es wird in keine Freiheitsrechte eingegriffen. Ist die Haltestelle trotzdem moralisch bedenklich? Vielleicht ja. Ich persönlich halte es für einen guten Fake. Die Menschen kommen wieder bei sich selbst an …

Und wenn man darüber nachdenkt, dann sollten wir vielleicht auch von Zeit zu Zeit eine solche Bushaltestelle suchen und uns dazusetzen. Denn oft muss man gar nicht irgendwohin fahren, um ankommen zu können.

In diesem Sinne: Setzen wir uns.

 

Dr. Markus Reimer live erleben: hier.